Move Your Life

Letzte Woche Donnerstag erlebte ich etwas, worüber man normalerweise nur in der Zeitung liest:

Es ist mittags, ich habe gerade Pause. Seit einigen Wochen ist donnerstags mein „Schultag“ und ich bereite mich mit weiteren acht Lernwilligen auf die Prüfung zur „Heilpraktikerin Psychotherapie“ vor. Die Ausbildung ist sehr fundiert und anspruchsvoll. Neben den wissenschaftlichen Inhalten lernen wir sehr viel über uns selbst und andere und sehen manches rückblickend und aktuell aus einem veränderten Blickwinkel. Mit meinen Kommilitoninnen diskutiere ich über den Tagesstoff – Depressionen sind ein sehr allgegenwärtiges Thema.

Kurz vor der nächste Stunde greife ich zu meinem Handy und sehe 13 neue WhatsApp-Nachrichten, huch, alle in der Familiengruppe. Die Jungs sind doch in der Schule?

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WAS???

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Ich lese was da steht, mein Hirn verarbeitet die Nachrichten portionsweise und ich kann es nicht fassen. Karim ist in der Schule, da ist ein Amokalarm, er muss sich verstecken. Ich schaue mir beim Denken zu: „Es ist so ein schöner Tag, die Sonne scheint. Da kann man doch keinen Amoklauf machen.“. Ich schreibe:

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Mein Gott, was schreibt man denn da? … Ich teile meinem Kurs mit, was ich gelesen habe. Ungläubigkeit, Erschrecken, Sorge.

Soll ich weggehen? Wohin? Zur Schule? Macht keinen Sinn, ich darf sowieso nicht rein. Nach Hause? Bloß nicht, da krieg ich die Motten. Ich frage, ob ich bleiben kann. Ich will ja niemanden stören. Alle sind einverstanden.

Ich tausche pausenlos Nachrichten mit Karim aus. Langsam ordnen sich meine Gedanken. Ich gehe. Dann kann ich mich voll auf Karim konzentrieren und der Kurs kann halbwegs in Ruhe arbeiten. Alle sind sehr besorgt. Ich soll mich abends melden. Versprochen. Ich fühle mich geborgen trotz Chaos.

Draußen – strahlender Sonnenschein. Ich sitze im Auto, inzwischen schickt Karim uns Videos und Fotos aus dem Klassenzimmer. Er berichtet, die Lehrerin sei ruhig, in der Klasse keine Panik. Gott sei Dank.

Wie kann ich Karim helfen? „Lass ihn Beobachtungen schildern, keine Gefühle“, denke ich. Ich frage viel. Lasse ihn berichten. Zwischenzeitlich ist noch mehr Polizei gekommen. Auch SEK. Im Hauptgebäude wird gerade Klassenzimmer für Klassenzimmer gestürmt. Karim hält sich mit seinem Kurs in einem Nebengebäude auf. Ist das gut oder schlecht?

Wo würde ich als Täter Terror verbreiten? Im Haupthaus, in Nebengebäuden? Auf dem Sportplatz? Wer ist der Täter? Es soll ein Mann sein. Also kein Schüler voller Hass. Ist das gut oder schlecht? Welche Motive hat der Mann? Ist es ein Vater, der die verpasste Chance seines Kindes rächt? Ein geistesgestörter Fremder? Oder ist es jemand, der in die Presse will? Ist es ein Einzeltäter?

Karim schreibt, dass das Sekretariat sich nicht meldet. Ob dort der Amokläufer ist? Hat er Geiseln genommen?

Ich fahre los, denn momentan gibt es nichts Neues. Das Telefon klingelt, Karim ruft an. Er klingt angespannt, aber gefasst. Gott sei Dank. Er berichtet noch einmal ausführlich, was fragmentarisch in der WhatsApp-Gruppe steht. Ich bleibe bei meiner Methode und frage ganz viel, auch total Unwichtiges. Reden befreit. Das Handy hat noch genug Akku. Gut. Ein Schüler malt. Gut, er beruhigt sich. Einige unterhalten sich. Auch gut. Andere stehen in Kontakt mit Freunden in anderen Häusern auf dem Schulgelände. Auf einmal – alles ruhig. Kein Hintergrundgeräusch mehr. Karim flüstert gepresst: „Es ist jemand vor der Tür. Es gab einen Schlag gegen die Tür.“ Stille. Ich höre ihn atmen, sonst nichts.

Ich denke an die Ereignisse auf der norwegischen Insel Utoya vor ein paar Jahren, als der Rechtsextremist Anders Breivik ein Feriencamp stürmte und 77 Menschen umbrachte. Viele der Jugendlichen telefonierten mit ihren Eltern. Fragten, was sie tun sollten. Erst kürzlich las ich den Bericht eines Vaters über die letzte gemeinsame Stunde mit seinem Sohn am Telefon. Es war gefährlich, aber das Kind versteckte sich … Stille … dann die Botschaft, dass sein Kind erschossen worden war. Ich will nicht daran denken und stelle mir stattdessen vor, wie ich Karim später in die Arme schließen werde. „Ich muss auflegen.“, flüstert Karim. Stille.

2016-12-08-photo-00003278Ich starre mein Handy an und wiederstehe der Versuchung, eine Nachricht zu schicken. Karim wird sich melden, wenn er kann. Wenn er kann …

Eine Minute, zwei Minuten verstreichen. Ich rufe meinen Mann an und berichte ihm schnell, dass ich mit Karim telefoniert habe, dass er auflegen musste. Wir machen die Leitung frei. Fünf Minuten sind schon vorbei. Ich fahre weiter. Stehe an der Ampel. Elf Minuten. Keine Nachricht.

Ich komme zuhause an. Endlich, wieder eine Meldung. Das SEK war gerade bei Karims Klasse. Alles gut. Sie sollen drin bleiben. Ich bin froh, habe das Gefühl, jetzt besteht mehr Sicherheit.

Dann die Meldung „Es ist ein Kurzschluss im Alarmsystem, hier ist niemand. Wir dürfen Klasse für Klasse das Schulgeände verlassen.“ Erleichterung in seiner Stimme, aber auch Unsicherheit. Vielleicht sagen die das nur zur Beruhigung?

Yannik und ich fahren zur Schule und holen Karim ab. Er sieht gestresst und angegegriffen aus. Zuhause umarmen wir uns lange, dann gibt´s Griesbrei mit Kirschen für alle. Ein Trostessen, das offensichtlich auch für große Kinder und ganz große im Alter von 51 Jahren noch Zauberkraft entfaltet.

An den nächsten Tagen reden wir alle immer wieder darüber und die Emotionen beruhigen sich. Dennoch wurde, was bisher als Abstraktum in der Zeitung stand, nun Realität für uns und es bleibt ein surreales Gefühl. Daran ändert auch die Erkenntnis nichts, „dass ja nichts passiert sei“. Aber in Wirklichkeit ist eine Menge passiert: Angst, Sorge, Ungewissheit, Aufregung – all das waren tatsächlich wahrgenommene und erlebte Gefühle. „Ich fühle mich auf einmal so verletzbar“, sagt Karim eines Abends nachdenklich. „Bisher dachte ich, mir könne nie etwas passieren, aber es kann ja ganz schnell gehen.“

Karim hat alles toll gemeistert und ingesamt gut verkraftet. Immer noch reden wir über Vieles: Wie kann es sein, dass jemand Schüsse hörte, obwohl gar nicht geschossen wurde? Wie gut es ist, wenn man versucht, gelassen zu bleiben und nicht zu einer Panik beiträgt. Dass Mitschüler völlig verängstigt waren. Die Lehrer sind nahbarer für ihn geworden, sind mehr „normale“ Menschen mit Ängsten, die seinen ähnlich sind, als pure Wissensvermittler. Das ist gut.

Gut ist auch, dass uns die Kostbarkeit des Alltäglichen wieder stärker bewusst geworden ist. Karim sagte: „Es hätte einfach vorbei sein können. Und dann?“ Ja, und dann?? Dann hätte es keine Chance gegeben, nicht gelebtes Leben nachzuholen und seine Träume verwirklichen zu können. Unser Motto – und hoffentlich auch Ihres:

Move Your Life … to Love and Joy!

 

Foto: Shutterstock.com/poganyen

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