Kennen Sie den Film von Rainer Werner Fassbinder? In der Hauptrolle: Brigitte Mira, eine der Damen vom Grill. Sie war wandlungsfähig und hat mich in dem Film sehr beeindruckt. Aber hier geht´s nicht um den Film. „Angst essen Seele auf“ ist für meine Generation ein Bild für die Erfahrung von Angst und ist darum der Titel meines heutigen Beitrags: Angst ist ein fundamentales Gefühl, nagend als Sorge, animalisch bei Panik, erdrückend als Traurigkeit. Manchmal rettet sie unser Leben. Aber oft hält sie uns vom Leben fern, sie engt uns ein, nimmt uns die Luft zum Atmen und isst unsere Seele auf – Stückchen für Stückchen.

Während meiner Ausbildung in der ehrenamtlichen Sterbebegleitung im Ricam-Hospiz hatten wir in einem Workshop einen interessanten Ansatz, uns mit unserer eigenen Angst zu beschäftigen. Wir Kursteilnehmer sollten uns mit ihr „an den Küchentisch setzen“ und sie fragen, was sie eigentlich von uns wolle, warum sie uns heimsuche und nicht in Ruhe ließe. Ich bat also meine Angst in Gedanken Platz zu nehmen, bot ihr einen Kaffee an und setzte mich zu ihr. Sie wirkte in diesem Moment recht schüchtern und ich fragte sie nach ihrem Anliegen. „Ich möchte, dass du mich magst“, war ihre außergewöhnliche Antwort.

Können Sie sich meine Überraschung vorstellen? Meine Angst wollte von mir anerkannt, sogar geliebt werden. Das kam mir menschlich vor und meine Angst vor der Angst wich. Wir hatten ein gutes Gespräch. Mir wurde bewusst, dass ein Teil meiner Ängste seit meiner Kindheit bestand. Mein Vater, der bei der Verkehrsunfallbereitschaft gearbeitet hatte, erzählte beim Frühstück oft von den belastenden Erlebnissen seiner Nachtschicht. Menschen hatten sich zu Tode gefahren oder waren unschuldig in ein Unglück verwickelt worden. Den Angehörigen hat er oft persönlich die schockierende Nachricht überbracht. Ein besonders schlimmes Erlebnis hat er nie verwunden und immer wieder erzählt: Ein kleines Mädchen war auf seinem Fahrrad von einem rechtsabbiegenden LKW-Fahrer erfasst und quasi zermalmt worden. Unter Schock verkaufte er die Fahrräder der ganzen Familie und so habe ich als Kind nie Rad fahren gelernt.

Ich wuchs also in dem Glauben auf, dass Verkehrsmittel sehr gefährlich seien und meist unbescholtene Menschen ums Leben kamen. Mein Vater ließ uns Kinder nur den Führerschein für Autos erwerben, Fahrräder und Motorräder waren verboten, da sie „nur zwei Räder“ hatten und damit potenziell lebensbedrohlich seien. War einer meiner Herzensmenschen mit einem Auto unterwegs, steigerte sich meine Angst dramatisch bis zum erlösenden Anruf, er sei sicher angekommen (Damals gab es tatsächlich nur Festnetztelefone und den guten Willen des Fahrers, sich nach seiner Ankunft auch wirklich zu melden. Wenn überhaupt ein Telefon zur Verfügung stand oder eine Telefonzelle funktionierte … jaja, liebe Kinder, so war das noch vor 25 Jahren 😉 ).

Im Gespräch mit meiner Angst wurde mir klar, dass ich sie selbst in meinem Leben hielt. Mein Vater hatte zweifellos in seinem Beruf schlimme Erlebnisse gehabt, die seine Sichtweise beeinflussten. Aber meine eigene Erfahrung zeigte mir, dass Unfälle nicht unbedingt vorkommen müssen. Mir nahestehende Menschen sind bisher davon verschont geblieben – und das gilt für diejenigen meiner Freunde und Bekannten ebenso. Ein Verkehrsunfall ist also ein mögliches Risiko und beinhaltet eine Wahrscheinlichkeit, die genauso groß ist wie die anderer Unglücke. Ich muss nicht bei jeder Autofahrt in Panik ausbrechen und kann davon ausgehen, dass alles gut ausgeht.

Meine Angst erwies sich als recht pragmatisch. Sie teilte mir mit, dass meine Ablehnung ihr gegenüber doch völlig unnötig sei, denn ein Unglück verhindern könne diese auch nicht. Immerhein leiste sie mit ihrer Anwesenheit auch einen Beitrag zur Vorsorge und damit zur Unfallvermeidung. Aber ihr eigentliches Anliegen sei ein anderes: Sie wolle mich an das Wichtige in meinem Leben erinnern, an meine Herzensmenschen. Wenn ich Sorge hätte, sie zu verlieren, zeige mir das nicht, wie wertvoll sie für mich seien? Da ich mir viele Sorgen machte, hätte ich doch offensichtlich viel zu verlieren. Hätte sie, die eigentlich doch ganz nette Angst, nicht wenigstens dafür ein bisschen Anerkennung verdient?

„Du hast auch wirklich gute Seiten“, staunte ich und fühlte mich irgendwie leichter. Ich beschloss, ab sofort jedem regelmäßig zu zeigen und zu sagen, wie wichtig er für mich sei. Was er oder unser Zusammentreffen mir bedeuteten. Wofür ich ihnen dankbar sei. Dass ich meine Liebsten liebe. Es würde sich sicher angenehmer anfühlen, voller Liebe dankbar zu sein, als sich immerzu Sorgen zu machen.

Als ich meiner Angst gerade mitteilen wollte, dass ich auch ihr dankbar sei, da stellte ich plötzlich fest, dass sie ihr Aussehen verändert hatte. „Was werden denn die anderen sagen, wenn du auf einmal so gefühlsbetont bist? Wenn du allen sagst, dass du sie liebst? Machst du dich da nicht lächerlich? Also, ich weiß ja nicht!“ Ich bekam wieder Angst vor ihr. Vielleicht war ich ja doch ein wenig einfältig. Was würden wohl die anderen denken? Ich holte tief Luft, atmete langsam wieder aus, schenkte uns beiden Kaffee nach und fragte: „Liebe Angst, was willst du eigentlich von mir?“

Vielleicht kommt Ihnen diese Methode, sich mit seinen Ängsten auf diese Art und Weise zu beschäftigen, ein wenig kindlich vor und ich stimme Ihnen zu. Diese Herangehensweise ermöglicht uns einen Kontakt auf der Gefühlsebene, mit unserem Inneren Kind, das seine Welt ganz einfach erklärt haben möchte. Es freut sich über eine bildhafte Ansprache und wenn wir offen sind für einen Dialog, bekommen wir überraschende Antworten. Mit ähnlichen Methoden arbeite ich auch in meinen Workshops und sie zeigen meist schnelle Ergebnisse. Die Frage, was die Angst uns Positives sagen möchte, erlaubt einen Perspektivwechsel vom potenziell möglichen Verlust in der Zukunft zurück in die bewusste Gegenwart mit all ihren schönen Facetten.

Vielleicht kann Ihnen diese Vorgehensweise ebenfalls hilfreich sein. Es würde mich freuen. In Gesprächen erlebe ich in letzter Zeit oft, dass Menschen von ihren Ängsten beherrscht werden: Angst vor Krankheit, Tod, die Angst vor dem Alter mit fortschreitender Gebrechlichkeit, Armut, den Flüchtlingen, den Kriegen auf der Welt, der IS, dem Arbeitsverlust, vor dem Gerede der Nachbarn … Sind die Ängste mehr geworden oder kommt es mir nur so vor? Wovor fürchten Sie sich?

Wenn Ihnen die nächsten Nachrichten wieder Angst machen, setzen Sie sich doch einfach mal mit ihr an den Küchentisch und versuchen Sie ein Gespräch auf Augenhöhe mit ihr. Nehmen Sie Ihre Angst ernst. Sie werden sehen, sie schrumpft und gibt ihr Eigenleben wieder auf. Lernen Sie sich kennen und geben ihr die Chance, Ihnen Neues zu zeigen. Seien Sie offen – auch für ungewöhnliche Formen der Gesprächsführung. Denn: Nur wer mutig ungewöhnliche Wege geht, wird Neuland betreten.

Move Your Life!

 

Foto: Africa Studio/Shutterstock.com

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