Move Your Life

Es tut mir leid … Bitte entschuldige … Ich bitte dich um Verzeihung … Das wollte ich nicht … Es lag nicht in meiner Absicht, dich zu verletzen … Sorry …

 

Die richtigen Worte für eine Entschuldigung zu finden, ist gar nicht so einfach. Vielleicht kommen manche Menschen deswegen auch ohne aus. Viele von uns müssen sich erst überwinden und nuscheln die Entschuldigung bestenfalls beiläufig daher. Es scheint, als wären wir in der Defensive und stünden mit dem Rücken zur Wand. Als wären wir klein, abhängig vom guten Willen eines anderen. Der andere muss uns von der Schuld befreien, daher ENT – schuldigen wir uns. Wir sehen uns gezwungen, Unrecht zuzugeben, räumen ein Fehlverhalten ein und oft war es eigentlich doch nicht unsere Schuld. „Wenn du nicht … dann hätte ich nicht …“

 

Zu meinem Blog letzte Woche bekam ich eine Mail mit der Frage: „Ich würde meiner Mutter auch gern keinen Koffer mehr hinterhertragen, aber was kann ich denn konkret tun?“ Ich kenne kein besseres Mittel als Vergebungsarbeit, um mit sich in Frieden zu kommen. Deswegen möchte ich sie euch heute vorstellen.

 

Um Vergebung zu bitten, kann gerade für Kinder eine demütigende Erfahrung sein. In meiner Ursprungsfamilie z.B. gab es eindeutige, hierarchische Entschuldigungsstrukturen: Meine Mutter entschuldigte sich bei meinem Vater, wir Kinder uns bei unseren Eltern. In einer Prozessbeschreibung würden die „Entschuldigungspfeile“ ausschließlich von unten nach oben verlaufen, nicht umgekehrt oder gegenseitig. Meine Eltern baten ihre Kinder nicht um Verzeihung. Ob mein Vater mal Unrecht gegenüber meiner Mutter empfunden hat und dafür um Entlastung bat? Daran kann ich mich gar nicht erinnern.

 

Das klingt unmodern, rückwärtsgewandt und beinah mittelalterlich. Aber so bin ich aufgewachsen und ihr möglicherweise ebenfalls. Wenn ich daran denke, dass die Eltern meiner Eltern noch eine 18 vor dem Geburtsjahrhundert hatten, finde ich es gar nicht mehr so verwunderlich, dass sie sich so verhielten. Damals gab es noch einen Kaiser, Frauen hatten kein Wahlrecht, keinen Beruf (oder wenn, mussten sie dienende Aufgaben erledigen) Männer waren der Haushaltsvorstand bzw. „Alleinverdiener“, Kinder waren familiäre Verfügungsmasse. Da hatte der Mann wohl immer Recht und die Familie musste sich „um des lieben Friedens willen“ unterordnen … und deswegen auch für Dinge entschuldigen, die oft nur einen ärgerten.

 

Sieht man seine Herkunftsfamilie unter diesem Aspekt der generationenübergreifenden Glaubensmuster fällt Vergebung leichter. Und wir entdecken möglicherweise sogar eine Chance, altes Denken hinter uns zu lassen und Entschuldigungen mit Inhalt zu füllen.

 

 

Ich erinnere mich an ein Seminar, das ich vor vielen Jahren besuchte. Eine Aufgabe bestand darin, unseren Eltern zu danken, was sie für uns getan hatten. Die Sätze sollten beginnen mit: „Lieber … (Kosename Vater/Mutter), ich danke dir dafür, dass …“ Ich war entsetzt, Aggressivität saß mir in der Kehle, ich dachte, meine Zunge wäre verknotet, mir fiel nichts ein. Wir hatten gerade eine akute Krise und ich machte meine Eltern für die Probleme in meinem Leben verantwortlich. Ich versuchte mich schließlich an Alltäglichem: „Liebe Mutti, ich danke dir dafür, dass du immer, wenn ich gefragt habe, mit mir Halma gespielt hast, dass ich kochen lernte, dass du mich alles über Handarbeiten lehrtest, was du wusstest, dass meine Freunde immer kommen durften, dass …“ Es kamen dann erstaunlich viele schöne Dinge zusammen. Ich erinnerte mich vieler Momente, Nachmittage, fühlte hinein in Stimmungen, in denen es mir gut ging. An diesem Seminartag wurde meine Mutter wieder Mensch und war nicht länger Monster. Das gleiche tat ich mit meinem Vater. Auch er gewann ein eigenes Profil. Und mir fiel auf, dass ich nicht nur (unter ihnen) gelitten hatte, sondern dass sie mir Gutes angedeihen ließen, für das ich dankbar sein konnte. Eine gute Vorarbeit, um sich der eigentlichen Vergebungsarbeit anzunähern, war das.

 

Spirituelle Lehrer sagen, dass wir anderen vergeben lernen müssen, wenn wir selbst glücklich sein wollen. In Gesprächen erfahre ich oft, wie sehr ungeheilte Beziehungen zu unseren Eltern uns belasten können. Manchmal ein Leben lang. Eventuell hilft die Erkenntnis, dass sie uns so behandelten, weil sie es selbst nicht besser wussten. Sie waren auch einmal verletzte Kinder, die Liebe suchten und litten, weil sie nicht das bekamen, was sie brauchten. Wie wir.

 

Könnt ihr euch vorstellen, dass dieses kleine Kind, das euer Vater oder eure Mutter einmal war, genauso bedürftig war, wie ihr euch heute fühlt? Könnt ihr euch vorstellen, dass ihr dieses kleine Kind in Gedanken einfach mal tröstend in den Arm nehmt? Merkt ihr, wie dieses kleine zitternde Wesen sich langsam in euren Armen beruhigt und dankbar ist für eure Zuneigung? Diese Vorstellung wird eure Beziehung zu euren Eltern verändern. Es befreit euch – und eure Eltern.

 

Sie befreit euch auch in anderen Beziehungen: in denen zu eurem Partner, eurer Frau, einer Freundin, euren Kindern, dem Kollegen. Vergebungsarbeit lohnt immer. Und in der zu euch selbst natürlich auch!

 

Verzeihen heißt nicht, dass man alles gut finden muss, was in der Vergangenheit passierte. Verzeihen heißt, die Fesseln zu kappen, die einen an das Gestern binden und so zu verhindern, ständig alten Groll zu kultivieren. Verzeihen heißt, seinen eigenen Anteil am aktuellen Gefühlszustand zu übernehmen. Als Kinder mussten wir in der Abhängigkeit von unseren Eltern so leben, wie sie es uns vorgaben. Als Erwachsene können wir unsere eigenen Entscheidungen treffen.

 

Es gibt ein hawaiisches Vergebungsritual, vielleicht kennt ihr es, es heißt „Ho´opono pono“, das heißt übersetzt so viel wie „In Ordnung bringen“. Es ist eine in Gedanken ausgeführte Reinigungszeremonie, die helfen soll, Beziehungen von Hass und negativen Gefühlen zu befreien, dem anderen für sein mögliches Fehlverhalten zu verzeihen, aber noch viel mehr anzuerkennen, dass wir selbst oft unser negatives Weltbild auf den anderen projizieren. Auch dafür bitten wir um Verzeihung.

 

Dieses kraftvolle Ritual hilft mir selbst immer sehr. Es klärt Geist und Seele und öffnet den Raum für neue, positive Energie. Da wir alle spirituell miteinander verbunden und Gedanken Energie sind, klärt dieses Ritual auch im Stillen eure Beziehung.

 

Liebe(r) …

Ich weiß, dass du in meinem Leben bist, um mich etwas zu lehren (Nämlich das, was ich selbst nicht an mir mag. Deswegen projiziere ich es ja auf dich.)

Ich danke dir dafür. (Danke, dass du mich das erkennen lässt.)

Ich segne dich.

Es tut mir leid, dass ich über dich urteilte.

Bitte verzeih mir.

Ich liebe dich. (Ich weiß, hier sträubt sich zunächst alles. Gemeint ist, dass wir die Seele des anderen wertschätzen. Das menschliche Verhältnis zueinander wird sich dann ebenfalls ändern.)

Danke.

 

Für ein glückliches Leben ist ein Perspekwechsel oft unerlässlich. Dazu gehört auch, dass wir alten Ansichten neue Bedeutung geben. Vergebung ist nicht gleichbedeutend mit Demütigung. Sie nimmt euch nichts weg, stattdessen gibt sie euch Freiheit. Vergebung ist ein Akt der Selbstliebe.

 

Ich höre einige Skeptiker: „Letzte Woche Spiegelarbeit, diese nun Vergebung? Was soll ich denn noch alles tun?“ 😉 Nun, ich denke, wer neue Erfahrungen machen möchte, muss auch neue Wege gehen. Darum …

Move Your Life!

 

Foto: Shutterstock.com/Katsiaryna Yudo

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