Ich hatte Ihnen ja versprochen, diesen Blog auch dem Prozess des Alterns zu widmen und mit Ihnen gemeinsam älter zu werden (Colourful Grey – Buntes Grau). Nun, letzteres tue ich ja offensichtlich, sonst würde dieser Blog nicht mehr erscheinen 😉 Aber als ich anfing zu schreiben, hatte ich den Plan, mehr über „das Alter“ zu reflektieren, seine Auswirkungen und meine Gefühle dazu. Irgendwie dachte ich, es gäbe mehr zu berichten. Dass dies offenbar kein Thema ist für mich, sehe ich positiv. Genauso positiv sehe ich, dass ich eigentlich keine Angst vor dem Alter habe … eigentlich.

Ein Seufzer meines 16-jährigen Sohnes Yannik am Frühstückstisch — mit Blick auf den portugiesischen Antlantik — „Ich freue mich darauf, wenn ich mal Rentner bin!“, erinnerte mich daran, dass ich als Teenager auch mal so dachte. Ich sah mich in einem Schaukelstuhl und freute mich darauf, meinen Enkeln von meinem abwechslungsreichen Leben erzählen zu können – gebeugt, verschmitzt, rundlich, guter Dinge, die Fallstricke des Lebens kennend und akzeptierend.

Jetzt, mit über 50, bin ich altersmäßig schon ein gutes Stück näher dran an meinem Großmutterbild und es gefällt mir irgendwie noch ganz gut. Irgendwie …

Ich stelle fest, dass die Wechseljahre mich noch einmal in einen Strudel unterschiedlicher Gefühle katapultieren. Ob hormonell gesteuert oder von der Lust, mich neu ausprobieren zu wollen, ist nicht entscheidend. An manchen Tagen fühle ich mich sehr uneins mit mir und hin- und hergerissen zwischen tradierten Erwartungen (auch meinen eigenen) und dem Wunsch, etwas Neues zu beginnen.

Genauso zwiespältig wie meine eigenen Gefühle, sind offenbar die der Gesellschaft zum Thema Älterwerden als Frau (Männer dürfen anders altern!). Mit Freude lese ich z.B. in einer Frauenzeitschrift, dass die Wechseljahre quasi eine zweite Pubertät sind. Ein paar Ausgaben später lese ich in der gleichen Zeitschrift „Graue Haare – auf Wiedersehen! Wie Sie länger jung bleiben.“ Also schließt das eine das andere aus?

Bei mir jedenfalls nicht. Ich liebe meine grauweißen Haare! Sogar so sehr, dass ich überlege, sie mir etwas länger wachsen zu lassen. Ich möchte an dieser Stelle anmerken, dass ich keine messianische Anti-Haarefärberin bin. Seit ich zwanzig Jahre alt bin, habe ich meine Haare gesträhnt, getönt, war sehr blond, oft facettenreich rot, einmal sogar schwarz, braun, aufgrund eines eigenen Haarfärbeexperiments orange (mein Mann reagierte sehr stoisch!). Farbnuancen wie „Herbstgold“, Mahagoni“, „Samtiges Rotbraun“ oder „Warmes Goldhonigblond“ ließen in meinem Hirn Synapsenschaltkreise sofort auf Autopilot umschalten und meine Hände willenlos ins dm-Regal greifen … Ich kann und darf also mit Fug und Recht behaupten: Ich habe nichts, aber auch gar nichts, gegen das Haarefärben.

Im Laufe der letzten Jahre fiel mir allerdings auf, dass meine Begeisterung FÜR eine Typveränderung zunehmend in ein Anstemmen GEGEN das Altern ausartete. Ich bin mit dicken und schnell wachsenden Haaren gesegnet, was zuletzt ein Ansatznachfärben alle 14 Tage erforderlich machte. Ich kam mir vor, wie ein wandelnder Makel, eine Mogelpackung. Das bald für alle sichtbare fortschreitende Alter schien mir wie (Achtung: Wortspiel!) das Grauen unter der Oberfläche zu lauern. Ich fühlte mich nahezu gehetzt.

Wann genau der Umdenkprozess einsetzte, weiß ich nicht. Mir fielen jedoch immer mehr attraktive Menschen mit grauen Haaren auf – meist Männer. Allen voran natürlich Mr. Sexy, George Clooney. Ich erinnerte mich an Kindheitstage, die ich auf einem Bauernhof verbrachte. Die Bäuerin hatte grauweiße Haare, schon in ihren 40ern, und trug ihr Haar nach Landestracht als gewundenen Zopf um den Kopf gebunden. Manchmal öffnete sie ihr hüftlanges Haar und ließ mich diese silberne, dicke Pracht ausgiebig bürsten. Das gehörte zu den Highlights meiner Ferien! Die Erinnerung an die natürliche, selbstverständliche Schönheit der älteren Frau und mein mir eigener Pragmatismus waren wohl dafür verantwortlich, dass ich mir sagte – egal, welche Haarfarbe ich tragen würde, mein Gesicht und Hals bekämen in jedem Fall Falten und somit würde man mir mein Alter sowieso irgendwann ansehen. So schritt ich schließlich zur Tat. Ich ließ mein Haar aschblond umfärben und meine natürliche Haarfarbe herauswachsen.

Und soll ich Ihnen etwas sagen? Ich habe es keinen Tag bereut und fühle mich mehr „ich“ als je zuvor. Mein Umfeld hat nach anfänglichen leichten Zweifeln überwiegend positiv reagiert – jüngere Frauen mit großer Begeisterung, ältere manchmal irritiert oder auch verständnislos. Ich glaube, dass junge Frauen mein Verhalten authentisch finden und ich ihnen vielleicht sogar als Rolemodel dienen kann. Die Generation meiner Mutter interpretiert das Haarefärben hingegen als Zeichen von Körperpflege und Luxus in Nachkriegszeiten, auf das man nicht freiwillig verzichtet. Meine Generation nehme ich als unentschieden wahr.

Frauen, denen ich unterwegs, im Vorbeilaufen, begegne, scheinen mich als harmlos, quasi als aus dem Rennen ausgeschieden, einzustufen. Das ist angenehm, so bleibt mehr Raum für echte Kommunikation, für die meine Haare nicht selten der Ausgangspunkt sind. Aber Frauen, Vorsicht: Die Harmlosigkeit ist nur Fassade … 😉

Mit Männern, egal welchen Alters, mache ich nämlich nur gute Erfahrungen. Am spannendsten finde ich, dass ich oft einen zweiten Blick erhalte: Der erste ist offensichtlich dem gesellschaftlich verinnerlichten Vorurteil geschuldet: graues Haar = alt = uninteressant. Der zweite Blick ist voller Überraschung: graues Haar = junges Gesicht = oh, was ist das?? Ich erlebe viel mehr Höflichkeit, Zuvorkommenheit und ja, echtes Interesse. Das ist zweifellos ein sehr angenehmer Nebeneffekt. Ist es nicht aufregend, dass wir umso interessanter für andere sind, wenn wir wir selbst sind und nicht versuchen, einer allgemeinen Erwartungshaltung zu entsprechen?

Diese wichtige Erfahrung macht mir Mut, wenn ich beginne zu zweifeln. Wie wird man „richtig“ alt? Vermutlich gibt es darauf keine eindeutige Antwort. Meine grauen Haare erinnern mich nun täglich daran, dass nicht alles so ist, wie wir im Voraus annehmen. Das betrifft alle vorgefassten Meinungen. Wir müssen etwas selbst ausprobieren, um festzustellen, wie es uns damit ergeht. Nicht zurückgreifen auf Althergebrachtes, Vorgebetetes, kein Hineintasten in ausgetretene Spuren. Wie soll Neues entstehen, wenn wir Altes nur reproduzieren? Schubladendenken macht alt – mit 20, 50 oder 80. Ich glaube, das Alter erlaubt uns mehr Freiraum, die- oder derjenige zu sein, die oder der wir wirklich sind. Wenn wir uns bisher nicht trauten, unkonventionelle Anteile unseres Selbst auszuleben, kann uns das Alter zu einem prima Verbündeten werden: Wenn wir ab einem bestimmten Alter sowieso quasi von der Bildfläche der Gesellschaft verschwinden, haben wir dann nicht jede Freiheit zu werden oder sein, wie wir wirklich sind??

Ich gehe also weiter auf persönliche Entdeckungsreise und halte Sie auf dem Laufenden über meine Erfahrungen mit dem Älterwerden, Neuigkeiten und Schaukelstuhlmomenten. Mehr dazu irgendwann in „Colourful Grey – Part 3“.

Haben Sie vielleicht Lust, mir zu schreiben, wie Sie das Älterwerden empfinden? Es interessiert mich! Haben Sie Pläne oder eher nicht? Haben Sie Angst davor und vermeiden jeden Gedanken daran? Schauen Sie mal, ganz unten finden Sie eine Kommentarfunktion. Ich würd mich freuen.

In jedem Fall wünsche ich Ihnen, dass Sie sich in Ihrem Leben immer wieder selbst überraschen, egal, wie alt Sie sind. Bleiben Sie jung, indem Sie Sie selbst sind. Machen Sie Ihre eigenen Erfahrungen. Sie wissen ja, ab einem gewissen Alter fallen Sie durch’s gesellschaftliche Raster und niemand guckt mehr so genau hin … 😉

Move Your Life!

Foto:  BeautyBlowFlow/Shutterstock.com

2 Kommentare
  1. Maria
    Maria sagte:

    Für mich war das „ALT“ werden früher immer eine Art Tabu-Thema. Ich wollte nicht alt werden, zumindest nicht älter als 29 😉
    Es wurde einem immer vorgelebt und gesagt, mit 30 müsse man in seinem Leben eigentlich schon alles erreicht haben (Job, Haus, Kinder, Heirat etc.) und genau wissen, wohin der Weg geht. Mittlerweile glaube ich, der Weg ist lang und ich bin noch nicht am Ende, auch wenn Einige das ganz anders sehen. Je älter ich werde, desto klarer wird für mich, dass sich eigtl. nur die Zahl ändert, so lange ich mich gut fühle und das Leben lebe, ist das Alter egal. Und die Haarfarbe sowieso 🙂 Ich habe noch viel vor, und viele Dinge davon kann man auch erleben, wenn man ALT ist, oder erst recht dann! 🙂

  2. Manuela Luther
    Manuela Luther sagte:

    Liebe Maria, danke, für deinen Kommentar. So bin ich auch groß geworden 😉 Danach ist das Alter aber eigentlich nicht mehr als eine von anderen definierte Meßlatte für „Erfolg“, nicht? Und dann bleibt einem selbst die Entscheidung, ob diese Art von „Erfolg“ gut zum eigenen Leben passt …

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.