Move Your Life

Ich lese gerade das Buch „Der Pfad des friedvollen Kriegers. Das Buch, das Leben verändert“ von Dan Millman. Es handelt von einem jungen Sportstudenten irgendwo in Amerika, der eines Tages einen alten Schamanen kennenlernt. Dieser zeigt ihm, welch aufregende Entdeckungen auf ihn warten, wenn er bereit ist, hinter die übliche Vorstellung unserer Welt (Gesellschaft, Denken, Fühlen, Handeln) zu sehen.

Magisch angezogen vom lebensverändernden Versprechen des Buchtitels kaufte ich es mir Ende letzten Jahres und habe es seitdem mehrfach angefangen zu lesen. Die ersten 60 Seiten zogen sich wie Kaugummi – zu viel Pathos, zu botschaftslastig und zu wenig Vertrauen in den Leser, sich selbst ein Bild machen zu können (Ich finde es furchtbar, wenn man mir umständlich erklärt, wie etwas auf mich wirken soll, anstatt die Geschichte für sich sprechen zu lassen …).

Dennoch bestachen mich die guten Kritiken bei Amazon, es noch ein Mal zu versuchen. Irgendetwas Sinnvolles musste doch drinstehen. Und tatsächlich, heute Morgen las ich auf Seite 76 folgende magische Sätze: „Du bist in Gefangenschaft – ein Gefangener deiner eigenen Illusionen.“ … „Du erkennst dein Gefängnis nicht, weil die Gitterstäbe unsichtbar sind.“. Und ja, diese Worte waren es, für sie hatte sich alles gelohnt: Unsichtbare Gitterstäbe, was für ein tolles Bild. Genauso fühle ich mich manchmal auch! Unsichtbare Gitterstäbe halten mich an meinem Platz und hindern mich, neue Erfahrungen zu machen.

Meine aktuelle Lebensphase fühlt sich bekannt und trotzdem oft nach Aufbruch an. Die Wechseljahre wirbeln vieles Althergebrachtes durcheinander und manchmal fühle ich mich als wäre ich in der Pubertät: Hormongesteuerte Gefühlsausbrüche lassen mich übersensibel reagieren, teils bin ich zu Tode betrübt, dann gehe ich durch die Decke wie früher das HB-Männchen. Erinnert ihr euch??

 

 

„Wer wird denn gleich in die Luft gehen?“ ICH manchmal und dann rauche ich keine Zigarette, sondern mache einen Spaziergang oder genieße einen Kaffee mit einem Stück Schokolade oder mit Keksen oder einem Kuchen in Familienstückgröße – je nach Frustlevel. Ansprechen sollte man mich eher nicht (auf die Kuchenmenge schon gar nicht!!). Auch nicht mit „Was ist denn das für ein Ton?“ oder „So schlimm ist es doch gar nicht!“

Doch! Ist es! Ganz schlimm ist es manchmal, auch wenn ich weiß, dass mich nur eine Petitesse ärgert! Aber ich kann dann gerade nichts tun. Argumente provozieren mich. Und der Spruch „Bis du heiratest, ist alles wieder gut!“ tröstet auch nicht. Bin ich ja schon. Was also dann? „Bis dir die Sterbesakramente verlesen werden, ist alles wieder gut?“ Ein bisschen lachen muss ich an diesem Punkt meist schon, aber es reicht leider auch nicht immer.

Der Vergleich mit der Pubertät hinkt natürlich, es liegt kein ganzes, nigelnagelneues Leben vor mir. Manchmal kommt mir die Zeit, die noch bleibt, einfach zu kurz vor für all die schönen Sachen, die ich lernen und erleben möchte – vor allem, wenn liebe Freunde sterben und die eigene Endlichkeit bewusster wird.

Fehler, die mir als Teenager noch nachgesehen wurden, werden heute eher belächelt: „Das hättest du dir doch denken können.“ oder „Bist du nicht zu alt dafür?“ „Ein bisschen leichtgläubig warst du schon immer.“ Schmeiße ich heute etwas hin, „riskiere“ ich zu viel. Ich hab ja schon viel erreicht. „Ist es das wert?“ Früher hätte ich in den Augen anderer mich nur ausprobiert, etwas Altes sein gelassen und etwas Neues begonnen. Verständnisvoll hätte man gesagt: „Du hast ja noch Zeit. Man muss sich eben erstmal finden.“

Und heute? Erwartet man, dass ich mich gefunden habe. Dass alles rund läuft. Dass ich quasi buddhagleich den gewählten Weg beibehalte und mein Leben fortführe. Keine Experimente mehr und wenn, dann nur gut kalkulierte, die nichts und niemanden gefährden. Das Erreichte dient als Maßstab für die Zukunft. Und wenn ich mich verändert habe und ich etwas anderes „erreichen“ will? Ein bisschen Spaß muss sein, aber nicht zu viel! „Du machst so viel! Kommst du überhaupt mal zum Luftholen?“

Nein, manchmal nicht. Und trotzdem gibt es sooooo viel, was ich noch erfahren will. Und dann halten mich wie aus dem Nichts diese unsichtbaren Gitterstäbe zurück. Sie bestehen aus den Materialien „Keine Zeit“, „kein Geld“, „zu viel zu verlieren“, „was sagen die Leute?“ gewürzt mit einer Prise „Sei nicht undankbar für das was war und ist!“ und einer weiteren mit „Nie bist du richtig zufrieden“.

Werde ich meiner Gitterstäbe gewahr, sehe ich dahinter eine Gefängniszelle, deren Wände manchmal näher und näher zu rücken scheinen. Beschrieben sind sie mit den  Worten: „Mach es so wie die anderen. Dann sind sie zufrieden und du bist es auch!“

In Filmen verhilft Gefängnisinsassen manchmal ein wohlmeinender Mensch zur Flucht. Bei mir war es die Romanfigur des Schamanen. Er erklärt dem Sportstudenten, dass er die Welt so wahrnimmt, wie er sie sich denkt. Nimmt er alles für bare Münze, was andere ihm erzählen, macht er genau dieselben Erfahrungen … in den gleichen unsichtbaren Gefängnismauern wie alle … ist eingesperrt in gesellschaftlichen Strukturen und lebt ein Leben wie alle anderen. Wird er sich hingegen dessen bewusst, kann er das Gefängnis verlassen und sogar Dinge tun, die er niemals für möglich gehalten hätte.

Der Schamane sprach auch zu mir: Wieso gehören manche Fehler nur in die Pubertät? Was interessiert dich die Meinung anderer? Wieso liegt kein nigelnagelneues Leben vor mir? Natürlich tut es das! Jede Veränderung geschieht im gegenwärtigen Moment. Worauf warten?

Move Your Life!

 

Foto: Shutterstock.com/marina shin

 

2 Kommentare
  1. Manuela
    Manuela sagte:

    Also sorry, aber wer sagt Dir denn, dass Du jetzt zu Dir selbst gefunden haben musst? Wir sind die erste Generation, die sich mehrfach selbst „erfinden“ kann. Siehe Sheego Kurvenstar. Weil wir auf Grund von Bildung, Arbeit und in finanzieller Hinsicht viel mehr Möglichkeiten haben als unsere Mütter. Die Dir sowas vorhalten können ja wohl nur 70+ sein.

  2. Manuela Luther
    Manuela Luther sagte:

    … aus meiner Erfahrung sind es oft Menschen unseres Alters, die Halt in festgefahrenen Rollenmustern suchen … vielleicht ist manchmal die eigene Generation die kritischste?

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