Move Your Life

Kennen Sie Miss Norma? In den letzten Monaten konnte man häufig etwas über sie in der Zeitung lesen: Eine alte Dame, die mit Sohn und Schwiegertochter in deren Wohnmobil durch die Weltgeschichte tourt. Der Grund für die Reise war kein lustiger, denn nur zwei Tage, nachdem ihr Mann seinem langjährigen Krebsleiden erlegen war, wurde Miss Norma mit ihrer eigenen Krebsdiagnose konfrontiert. Sie war zu diesem Zeitpunkt 90 Jahre alt.

Für alle Beteiligten war weder das Pflegeheim, in dem Normas Mann gerade verstorben war, noch die Wohnung, in der sie mit ihrem Mann 67 Jahre zusammengelebt hatte, eine Option für ihre letzten Lebensmonate. Miss Norma wollte keine Chemotherapie, stattdessen war es ihr Wunsch, einfach „abzuhauen“ – und Sohn und Schwiegertochter taten genau das mit ihr. Mit ihrem Wohnmobil fuhren sie los und zeigten ihr all die Dinge, die sie gern sehen wollte.

Es gibt Fotos mit Miss Norma im Cabrio, an den Niagara-Fällen, im Kunstmuseum, auf dem Karussell, auf dem Pferdewagen, mit Polizisten, die sie scheinbar verhaften wollen, mit lachenden Fremden, inmitten herrlicher Natur, in liebevollen Momenten mit ihrer Familie – neugierig, lebensbejahend, glücklich.

Miss Normas Schwiegertochter schrieb über diese Reise ein Tagebuch auf Facebook und auf diese Weise wurde die Popularität der drei immer größer. Fast eine halbe Million Menschen folgten ihnen zum Schluss und ich war einer von ihnen. Schauen Sie mal:

https://www.facebook.com/DrivingMissNorma/?fref=ts#

Jetzt, am 1. Oktober, gab es folgenden Post zu lesen:

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Obwohl ich Miss Norma nicht kannte, war ich doch traurig, dass sie nun ihre letzte Reise angetreten hatte und sie uns nicht länger mit ihrer Lebensfreude begeistern konnte. Gleichzeitig freute ich mich für ihre wundervollen letzten Monate voller neuer Eindrücke und offensichtlich voller Liebe … und ich fragte mich, wie ihr Leben wohl verlaufen wäre, wenn sie diese Reise schon viel früher gemacht hätte. Mit Leo, ihrem Mann. Oder als Familie und zu Zeiten, als ihr Sohn noch jung und zuhause war. Ich fragte mich, welche Gründe es gegeben haben mag, dass sie diese Reise nicht früher angetreten hatte und ob sie sie so kurz vor ihrem Lebensende richtig genießen konnte. Ob sie etwas bedauerte und ihr Leben rückblickend anders einrichten würde?

Und ich fragte mich etwas sehr Naheliegendes: Warum hast du bisher noch nicht so eine Reise gemacht? Was ist aus euren Plänen geworden, mal als Familie für ein paar Monate im Ausland zu leben? Vor der Einschulung der Jungs hatten wir geplant, mal ein Jahr in einem anderen Land zu leben. Thailand oder Portugal standen zur Option. Wir wollten nicht nur reisen, sondern auch arbeiten. Und dann kam es irgendwie nicht dazu. Ich erinnere mich nicht mehr, warum wir es dann doch nicht taten. Wahrscheinlich hatten wir gute, nachvollziehbare Gründe.

Würden sie immer noch gelten, wenn einer von uns sterbenskrank wäre???

„Möchtest du es immer noch?“, bohrte meine innere Stimme. „Hand auf´s Herz! Ja??? Was hindert dich? Musst du erst den Tod vor Augen haben, bevor du dich traust?“

Achtung! Lesen Sie nicht weiter, wenn Sie jetzt eine innere Unruhe verspüren und mögliche Antworten scheuen. Solche Gedanken können lebensverändernd sein. Sie wissen ja: Zu Risiken und Nebenwirkungen befragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker. Besser is`! 😉

Seit meiner Ausbildung in der ehrenamtlichen Sterbebegleitung im Ricam Hospiz vor ein paar Jahren weiß ich, dass der Tod auch ein enormer „Lebensbooster“ sein kann. Sind wir unheilbar krank, verstehen wir, dass uns nicht mehr viel Zeit bleibt und dass man sie nutzen muss – so wie Miss Norma es tat. Der Tod erlaubt uns, alle Konventionen hinter uns zu lassen. Fragen wie „Darf ich das? Kann ich das?“ sind dann unbedeutend. Wenn nicht jetzt, wann denn dann??? Es wird uns kaum jemand Egoismus vorwerfen wollen, wenn wir uns unsere Wünsche erfüllen. Oftmals, wenn auch nicht immer, sind Angehörige und Freunde bereiter, sich selbst zurückzunehmen und dem Sterbenden neue Erfahrungen zu ermöglichen.

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Warum ist uns das nicht schon zu Zeiten möglich, in denen unser Leben noch kein konkretes Verfallsdatum hat? Warum setzen wir nicht all unsere Besitztümer ein und machen die lang ersehnte Reise, nehmen die heiß gewünschte Auszeit von der ungeliebten Arbeit oder suchen uns besser gleich eine neue? Warum nehmen wir nicht das Studium auf, mit dem wir vor 30 Jahren liebäugelten? Und warum bleiben wir bei einem Partner, mit dem uns nur die Vergangenheit verbindet? Warum wurschteln und wuseln wir herum, als gäb´s für uns kein morgen??

Ich bin ebenso ratlos wie Sie. Oft schaue ich mir selbst fassungslos beim Rumwurschteln zu. Höre meine sinnlosen Klagen über Dinge, die ich nicht ändern kann. Ärgere mich über jemanden und meine Gedanken laufen im Kreis, im Kreis, im Kreis. Warum?

Ich kann es mir nur so erklären, dass unsere Todesangst uns in eine absolute Verdrängungshaltung zwingt: Das gleichförmige Maß des Alltags wirkt beruhigend. Die Nörgelei mit anderen über alles und alle schafft wohltuende Verbindung – Sicherheit im Herdentrieb. Ärgern ist ein aktives Mittel, sich lebendig zu fühlen. Aber ist das leben? Mein Leben? IHR Leben?

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Ich habe tief in mich reingehorcht, ob ich immer noch gern ein Jahr im Ausland leben möchte. Momentan ist dieser Wunsch nicht sehr präsent. Stattdessen würde ich gern länger reisen – mit meiner Familie, bevor unsere Jungs ihre eigenen Wege gehen. 4-6 Wochen am Stück wären toll. Schon die nächsten Sommerferien böten sich dafür an. Ich möchte auch gern bald eine Interrailreise machen. Und wie wäre es, in zwei Jahren, wenn beide mit der Schule fertig sind, mal 2-3 Monate wegzusein?

Haben Sie übrigens schon mal von „Granny-Aupair“ gehört? Da zieht man für längere Zeit ins Ausland und hütet quasi als Oma die Kinder einer Familie. Das gefällt mir. Neuseeland fände ich toll. Und mein Mann könnte ja vielleicht die Gartenarbeit machen.

Seien Sie mal leise. Hören Sie das auch? Miesepetrig und nörgelnd? „Wie soll das gehen? Was das kostet! Wie soll das mit der Arbeit funktionieren? Und wer passt auf die Wohnung auf?“ Immer das Gleiche!  Aber es liegt ja an mir, ob ich zuhöre oder nicht. Ich könnte auch den Endlich-Joker ziehen und mich endscheiden, endlich end-lich zu leben.

Wie sehen Sie das? Was sind Ihre Träume? Hören Sie ihnen zu und folgen Sie Ihnen? Machen Sie das und nicht erst dann, wenn Ihnen jemand sagt, dass die Zeit bald knapp wird.

Move Your Life!

 

Fotos:

Facebook – Driving Miss Norma, Algarve by Yannik Luther

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