In den letzten Wochen hab ich viel aufgeräumt. Zum einen, weil der kommende Frühling mich wie jedes Jahr inspiriert, „klar Schiff“ zu machen. Zum anderen, weil ich meine Fachbücher, Bilder und Geschenke für meine Praxis zusammengesucht habe. Da fiel mir auch ein Foto in die Hände.

Darauf zu sehen ist unser guter Freund Thomas (*Name geändert). Er hält unseren Sohn Karim im Arm, der damals vielleicht ein gutes Jahr alt war. Thomas schaut neugierig, etwas fremdelnd, auf den quirligen Krabbler, Karim gelassen in die Kamera.

Thomas war, als unsere Kinder frisch geboren waren, für einige Zeit unser Frühmorgens-Babysitter. Mein Mann arbeitete damals noch als Unternehmensberater deutschlandweit und ich hatte eine feste Anstellung in einem Unternehmen. Ich bekam nicht die Möglichkeit, Teilzeit zu arbeiten, und ich wollte meinen Job unbedingt behalten. Aber mir wurden viele tolle Möglichkeiten eingeräumt, meine Arbeitszeit individuell zu gestalten. Eine davon war, so früh wie möglich anzufangen, um meine Kids früh aus der Kinderkrippe abzuholen.

Thomas kam, wenn mein Mann nicht zuhause war, ganz früh in unsere Wohnung. Ich hatte ihm dann schon ein kleines Frühstück gemacht, er passte auf die Jungs auf und brachte sie dann um 8.00 Uhr zur Kita. Er hatte so eine Art, eine bärige Ruhe, dass Kinder und Tiere nur so auf ihn flogen. Unsere Kinder machten da keine Ausnahme und so war das Morgensitting kein Problem.

Thomas kannte ich fast so lange wie meinen Mann. Er war unser engster und bester Freund. Wir verquatschten Frühstücke, Abende, manche Nächte, machten Kurzreisen zusammen, zogen zu mehreren los oder allein. Meine beste Freundin adoptierte ihn gleich mit und wir waren oft zusammen unterwegs. Er war unser Urlaubskatzensitter, wir halfen ihm bei der Organisation seines Lebens … bis das nicht mehr ging.

Thomas war ein begeisterter IT-Nerd und tauchte mit den Jahren immer mehr in den Tiefen des Internets ab. Er wurde damals Teil einer Community in Amerika, mit denen er sich anfreundete. Nette Leute. Mit einer von ihnen sind wir seit mehr als 20 Jahren immer noch befreundet.

Problematisch war, dass Thomas sein Leben danach ausrichtete, wann seine amerikanischen Freunde im Netz online waren. So verloren wir nach und nach den Kontakt zu ihm. Einfach deswegen, weil er abends oft wegmusste oder erst gar keine Zeit hatte, weil seine Online-Freunde warteten. Morgens war er wegen der vorm Rechner verbrachten Nächte zu müde, um an gemeinsamen Frühstücken teilzunehmen. Und zwischendurch wurde es auch immer weniger.

Wir verloren uns aus den Augen, er zog aus unserer Seitenstraße weg, verlor seine Arbeit, nahm nicht mehr an Veranstaltungen unseres Freundeskreises teil, verschuldete sich immer mehr, wurde ein Messie.

Wir versuchten mehrfach, mit ihm zu sprechen, um eine Klärung herbeizuführen. Er zeigte sich mal ärgerlich, mal verständig, änderte aber nichts.

Dann auf einmal war Thomas wieder öfter bei uns. Wirkte ausgeglichen, sein alter Humor brach durch. Auch bei anderen Freunden meldete er sich. Dann hörten wir eine Weile wieder nichts voneinander. Unsere gemeinsame Freundin aus Amerika nahm Kontakt zu uns auf. Seit Tagen hatte sie nichts von ihm gehört, sie machte sich große Sorgen.

Enge Freunde gingen in seine Wohnung. Sie fanden ihn dort tot. Er hatte sich das Leben genommen. Offenbar hatte er es seit Monaten geplant.

Wir alle fragten uns danach, ob wir es hätten merken müssen, was wir hätten tun können, um es zu verhindern. Ich weiß, dass sich das viele Menschen fragen. Suizid ist nicht so selten und es kann (muss aber nicht) Warnsignale geben:

Manche Menschen sprechen über ihren Lebensüberdruss. Hört dann nicht weg. Fragt konkret nach, ob derjenige Suizidgedanken hat, ob er einsam ist, ob er Medikamente nimmt oder abgesetzt hat. Werdet aufmerksam, wenn jemand seine Habe verschenkt oder ihr den Eindruck habt, jemand verabschiedet sich von euch. Holt euch dann Hilfe, ruft im Akut-Fall die Feuerwehr.

Und bitte nehmt auch selbst Unterstützung in Anspruch, wenn ihr euer Leben nicht mehr lebenswert findet. Der Berliner Krisendienst und andere Regionen haben Ansprechpartner, die helfen können. Es ist ein Zeichen von Stärke, um Hilfe zu bitten, nicht der Schwäche. Lasst euch doch bitte helfen, eure Freunde wollen für euch da sein.

Als ich das Foto von Thomas fand, war ich kurz sehr traurig und vermisste ihn ganz schrecklich. Und war auch ein wenig wütend, weil er uns nicht helfen ließ, sondern uns wortlos verließ.

Wie schade, dass unsere Kinder nie seinen herrlichen Humor kennenlernen und wie schade, dass wir nicht zusammen alt werden können.

Dann entschloss ich mich, mich an die vielen wunderbaren Stunden mit Thomas zu erinnern. In meinem Herzen wird er nie alt und immer mit meinen jungen Jahren verbunden sein. Ich muss seine Entscheidung akzeptieren, auch wenn ich sie nicht verstehen kann. Die Frage nach dem „Warum“ bringt nichts, man bleibt dann nur in einem Kreislauf aus Verzweiflung und Schuldgefühlen stecken.

Ich holte tief Luft und dachte:

Move Your Life!

Foto: sutham/Shutterstock.com

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