Ein Glühwein. Swei Glühweih. Rei Lühwei. Hie Hühei. Flünei. Snlwln … so enden öfter Besuche auf dem Weihnachtsmarkt. Bei Ihnen auch? Ich bin ja eher der Massenflüchter, in großen Ansammlungen von Menschen fühle ich mich unwohl. Weihnachtsmärkte habe ich bisher nur drei Mal besucht: Die ersten beiden Male war mir saukalt, es gab besagten Glühwein, dazu Chinapfanne, Döner, asiatische Nudeln, Tacos, Glühwein, Wurst im Brot, mit Brot, ohne Brot, Waffeln, Schmalzstullen, Glühwein, ein, swei, rei …

Vorgestern war ich auf dem Weihnachtsmarkt am Schloss Charlottenburg. Der Chor, in dem ich singe, hatte dort zwei Auftritte mit Weihnachtsliedern – es ist eigentlich überflüssig zu sagen, dass wir wunderschön und engelsgleich gesungen haben 😉 Der Weihnachtsmarkt ist stimmungsvoll. Es gibt neben dem reichlichen Nahrungsangebot (natürlich auch Glühwein!) sehr schönes Kunsthandwerk zu sehen, Schmuck, kleine Geschenke für andere und sich. Die Beleuchtung ist festlich. Die Preise sind gehoben. Das Publikum entsprechend. Insgesamt war ich positiv überrascht. Aber wissen Sie was? Mir ist das alles zu viel.

Komme ich langsam in ein gefährliches Alter? Wo mich alles stresst und Weihnachtstage nur noch reiner Popanz sind? Ich erinnere mich daran, dass meine Eltern, als sie älter wurden, zunehmend genervter auf das „Fest der Kinder“ reagierten. Geschenke wurden oft nach ihrem Anschaffungswert beurteilt. Was nicht verwunderlich ist, denn meine Eltern hatten den zweiten Weltkrieg aktiv miterlebt und maßen materiellen Dingen eine hohe Bedeutung bei. Der Weihnachtsbaum wurde irgendwann durch eine praktische Plastiktanne ersetzt, die nach den Festtagen zusammengefaltet und in den Keller gebracht wurde. Ich fand das schrecklich. Zu essen gab es bei uns reichlich: Heiligabend nachmittags ein nach altem schlesischen Rezept zubereiteter Bienenstich, nach der Bescherung den Berliner Klassiker „Kartoffelsalat und Würstchen“. An den anderen Tagen aßen wir Pute oder Schweinebraten, Rotkohl, Grünkohl, Kartoffeln, Klöße, immer Nachtisch, immer Kuchen, immer Alkohol, immer viel!!! Weihnachten war bei uns sehr oft gereizte Stimmung. Sie hielt bis nach Silvester und normalisierte sich dann wieder.

Als ich meinen Mann vor 30 Jahren kennenlernte, stellten wir rasch fest, dass auch in seiner Familie viele Erwartungen an das Weihnachtsfest bestanden, dass die Nerven an diesen Tagen offenbar bei allen Menschen blanker liegen und Verletzungen tiefer gehen als sonst. Wie viele junge Paare absolvierten wir Heiligabend einen Besuchsmarathon: Zwei Stunden bei seinem Vater, zwei Stunden bei meinen Eltern, dann abends – endlich – nach Hause, Tür zu, 3-Gänge-Menü mit handgeschriebener Speisekarte, Wein – herrlich. Mit den Geschenken, mal größer, mal kleiner, immer liebevoll, erfreuten wir uns gegenseitig.

Mit der Geburt unserer Kinder entschlossen wir uns, Heiligabend mit ihnen allein zu verbringen – eine für andere egoistisch anmutende Entscheidung – die uns die Freude an dem Fest zurückbrachte. Und zwar allein deswegen, weil wir Weihnachten so begingen, wie wir es wollten, so wie es uns gefiel und nicht hin- und herhetzen mussten. Die Verwandten besuchten wir an den anderen Tagen und nach einiger Zeit gewöhnten sich alle daran.

Blicke ich heute zurück, kann ich sehen, dass Anzeichen von Gereiztheit bei meinen Eltern schon vorhanden waren, als ich noch ganz klein war und sich mit dem Älterwerden nur verstärkten durch die Anstrengung, die mit der Vorbereitung großer Feste verbunden ist, aber auch durch den Erwartungsdruck aller Beteiligten – und den der Nachbarn, Freunde und Medien („So bewirtet Catharina Valente ihre Gäste am Heiligabend“ … „Königin Silvia und ihre Familie schmücken den Weihnachtsbaum auf Schloss Drottningholm“). Wenn ich Weihnachtswerbung im Fernsehen oder in Zeitschriften sehe habe ich zunehmend den Eindruck, dass dort Fantasiefamilien präsentiert werden und alle Geschenke jeden glücklich machen. Jeder trägt ein festliches Gewandt, die Frauen – von 4 bis 74 – sind wunderbar geschminkt und hübsch anzusehen, die Männer männlich und herb fröhlich.

Dagegen ist auch gar nichts zu sagen, wenn man sich vor Augen führt, dass dies alles so sein kann, aber nicht als Maßstab für alle gelten muss. Meine Eltern bemühten sich, ihren eigenen Ansprüchen und denen anderer zu genügen. Aber es ist selten geglückt. Sie waren so erzogen worden, dass zunächst andere zufriedenzustellen sind, bevor man an sich selbst denken darf. Fest gefügte gesellschaftliche oder innerfamiliäre Regeln gaben vor, dass man etwas auf eine bestimmte Art machen sollte. Alles andere war egoistisch. Meine Eltern taten wirklich ihr Möglichstes, allen Ansprüchen zu genügen … und blieben dabei oft selbst auf der Strecke. Ihr Frust entlud sich im Streit.

Im Freundes- und Bekanntenkreis höre ich oft Ähnliches. Die von den Eltern vorgelebten Rituale und Gewohnheiten werden übernommen und mit der eigenen Familie gelebt. Solange dies uns Freude macht, ist dies wunderbar und es sollte nichts verändert werden. Wenn der Stresspegel allerdings in Relation zu den nahenden Festtagen immer weiter steigt, die Streitfrequenz mit unseren Lieben immer weiter zunimmt, sollten wir uns fragen: „Will ich das wirklich? Macht es mir Freude? Oder mache ich es nur für Opa Wilhelm?“ Dann kann auch die Freude, es für Opa Wilhelm genauso zu machen, wie er es kennt, sehr weihnachtlich sein. Wenn nicht, haben wir nicht das Fest der Liebe, das wir uns eigentlich alle wünschen.

Wenn ich mich heute so auf Weihnachten freue, liegt das daran, dass es uns als Familie geglückt ist einen Ablauf zu finden, der uns Freude macht. Die Weihnachtstage und die Zeit zwischen den Jahren sind bei uns gemütlich, nicht groß von Terminen belastet, eine Zeit der Reduzierung auf das Wesentliche – auf uns. Und uns wird bewusst, was wir alles haben und wie dankbar wir dafür sind. Sehr gern mache ich ein großes Weihnachtsessen – Grünkohl nach altem Familienrezept – und wir genießen es. Wir gucken aus Tradition „Das Traumschiff“ im Fernsehen und regen uns über die dünne Handlung und noch dünneren Dialoge auf („Und wieder haben Menschen zueinander gefunden, die …“ – beim Servieren des Desserts singen wir alle mit: „Lala lala la laaaaaaaaaaaaaa“). Mit der zunehmenden Verselbständigung unserer Jungs wird sich bestimmt der festliche Ablauf verändern, aber ich wünsche jedem von uns, dass das positive Grundgefühl weihnachtlicher Stimmung von Freude, Zugewandtsein, Dankbarkeit und Liebe sich zu neuen Weihnachtsfestlichkeiten entwickelt.

Wenn ich älter werde und merke, dass mich die Feierlichkeiten unangemessen zu belasten beginnen, habe ich mir vorgenommen, Hilfe anzunehmen. Erinnern sie mich, bitte!! Man kann ja auch essen gehen. Oder jeder organisiert etwas und bringt das mit. Die Wohnung muss ich nicht aufwändig schmücken und den Weihnachtsbaum könnte ich auch ersetzen durch … Neiiiiin, DAS nicht!!

Ich wünsche Ihnen eine behagliche Vorweihnachtszeit, viel Freude an den kleinen Dingen des Lebens und Zeit für sich und andere.

… Move Your Life!

 

 

Foto: Maglara/shutterstock.com

2 Kommentare
  1. Helmut
    Helmut sagte:

    Liebe Manuela,
    Dein Blog-Beitrag „Fröhliche Weihnachten überall …“ habe ich mit großem Interesse gelesen und bin vom Inhalt sehr angetan. Die Entwicklungen rund um das Weihnachtsfest, die sich ändernden Rituale und der Einfluß der sich ändernden Familiensituationen sind toll formuliert ! Ich könnte mir vorstellen, daß Du mit Deinem Mann in unserem Alter genauso zufrieden und glücklich Weihnachten feiern wirst wie wir heute. Eines haben wir traditionell seit 55 Jahren beibehalten: wir haben jedes Jahr einen Weihnachtsbaum mit echten Kerzen.
    Ich wünsche Euch ein frohes, gesundes und streßfreies Fest.
    Helmut

  2. Manuela Luther
    Manuela Luther sagte:

    Lieber Helmut, ganz herzlichen Dank für deine lieben Weihnachtswünsche. Du und Sabine seid gute Vorbilder, wie man eine Ehe lebendig und liebevoll erhält. Ich wünsche euch ebenfalls ein wunderbares Weihnachtsfest. Herzliche Grüße, Manuela

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