Move Your Life

Ein Gastbetrag von Manuela, 55, verheiratet, eine erwachsene Tochter, berufstätig, aus Duisburg, Deutschland:

Durch den ersten Lockdown bin ich ganz gut gekommen. Ich fand mich schnell im Homeoffice wieder und empfand den Zeitgewinn von 90 Minuten täglich als ein Plus an Lebensqualität. Mein Mann arbeitete auch von zu Hause. Die Pausen verbrachten wir gemeinsam auf der Terrasse bei Kaffee und Sonne, was sonst nur an den Wochenenden möglich war.

Meine Mutter lebt in einem Pflegeheim bei uns in der Nähe. Sie leidet an fortschreitender Demenz. Ihr Zimmer hat einen Balkon zum Eingang hin und so konnte ich sie täglich besuchen, mich unter den Balkon stellen und mit ihr sprechen. Bei Menschen mit Demenz ist es extrem wichtig, dass sie vertraute Personen regelmäßig sehen und vor allem, dass regelmäßig mit ihnen gesprochen wird. Meine Mutter schien mit dieser Regelung ganz gut zurechtzukommen, so dass ich dankbar war für diese Möglichkeit des Austauschs.

Der zweite Lockdown ist deutlich schlimmer als der erste. Ich sorge mich am meisten um meine Mutter

Der zweite Lockdown ist deutlich schlimmer als der erste. Wegen der kalten Temperaturen kann ich meine Mutter weniger unter dem Balkon treffen. Als ich einmal vorbeiging, kam sie mittags im Nachthemd heraus und sah recht verwirrt aus. Ein Anruf auf der Station ergab, dass sich Pflegekräfte krankgemeldet und die Bewohner einen „Betttag“ verordnet bekommen hatten. Ich habe mir von da an große Sorgen um meine Mutter gemacht, denn ich konnte sie nicht sehen und ans Telefon geht sie oft nicht. Vermutlich realisiert sie gar nicht, dass das Telefon für sie klingelt.

An Silvester konnte ich meine Mutter nach dreiwöchiger Quarantäne wieder besuchen. Auf zwei Stationen gab es Corona-Fälle und keiner der Bewohner durfte Besuch erhalten. Seit Weihnachten gibt es nun FFP2-Masken. Es befremdet mich total, dass zwischen Lockdown 1 und Lockdown 2 niemand ein Konzept zum Schutz der Alten realisiert hat. Die meisten Corona-Toten kommen aus dem Umfeld von Pflegeheimen, das ist schrecklich. Ich bin ein sehr engagierter Angehöriger, der viel im Heim anruft, Mails schreibt, auch an Politiker, aber was machen denn die Alten, die allein sind? Ich darf gar nicht daran denken.

Sorge machte mir schon im Frühling die Verhärtung der „Corona-Leugner“ und der „Schlafschafe“, wobei ich ehrlicherweise sagen muss, dass in meinem Umfeld die Menschen recht reflektiert sind und Kritik mit Bedacht äußern. Ich glaube auch, dass Demokratie bedeutet, andere Meinungen auszuhalten und – in Optimalfall- zu diskutieren und NICHT ausfallend zu werden. Zunehmend scheint das unmöglich zu sein. Im Frühjahr habe ich das noch anders wahrgenommen.

Die Schließung der Fitnessstudios kompensiere ich mit einem Mini-Hometrainer und einer Gymnastikmatte für Situps. Das ist ok. Mir fehlen meine Freundinnen, die fast alle in Berlin leben und die ich sonst mehrfach im Jahr besucht habe. Klar telefonieren wir, aber das kann ein persönliches Gespräch nicht ersetzen.

Mein Mann, meine Tochter und ich haben krisensichere Jobs. Dafür sind wir dankbar. An den Schulden, die gerade aufgebaut werden, zahlen später noch meine noch zu gebärenden Enkel, fürchte ich. Mir tun die Leute leid, deren Existenz gefährdet ist und die darüber krank werden. Die tauchen bislang in keiner Statistik auf.

 

Anmerkung: Die mit Covid-19 begründeten Maßnahmen haben dazu geführt, dass wir zuhause eingeschlossen sind. Ängste nehmen zu, Aggressionen auch. Damit der „Lockdown“ nicht auch die Seelen einschließt, ist Austausch wichtig. In diesem Blog schreiben Menschen, was sie derzeit bewegt.

Wenn du dich inspiriert fühlst, deine Gefühle und Erlebnisse zu teilen, schreib einfach an info@move-yourlife.de, Betreff: Unlock.

0 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.