Ich leider auch nicht. Alex Assali ist ein syrischer Flüchtling, der in Berlin Obdachlose bekocht. Die Zutaten für die Mahlzeiten kauft und bezahlt er selbst von seinen 350,- EUR Asylgeld. Spenden lehnt er ab. Seine Motivation? Dankbarkeit. Deutschland habe ihm sehr geholfen. Er habe seine Heimat verlassen müssen, weil er sich offen gegen den IS wandte und im Gefängnis gewesen sei. Er sei mit einem Boot über Italien geflüchtet und nun glücklich, so viel Hilfe erhalten zu haben. Vielen Deutschen ginge es sehr gut, für die könne er nichts Sinnvolles tun. Die Obdachlosen bräuchten Hilfe und er freue sich, dass er den Deutschen etwas zurückgeben könne. Ein „gutes Herz“ habe Alex Assali, ein „großes Herz“, sagte ein Obdachloser.

Erfahren habe ich das aus einem Fernsehbeitrag von „ZDF heute plus“ und von Dieter Puhl, dem Leiter der Berliner Bahnhofsmission am Zoo. Ihn habe ich letzte Woche persönlich kennengelernt und erfahren dürfen, dass es viele Menschen mit einem großen Herzen gibt. Menschen, die nicht wegschauen, sondern zupacken, die geben, ohne einen unmittelbaren Gegenwert zu bekommen.

In der Bahnhofsmission arbeiten neben den hauptberuflich Tätigen 130 Ehrenamtliche, um den großen Andrang zu bewältigen. 1.000 (!) Menschen benötigen täglich Hilfe. 600 Menschen werden mit Essen versorgt. Nicht alle sind ohne Wohnung. Es gibt auch alte Frauen, die eine kleine Rente beziehen, die orthopädische Schuheinlagen kaufen müssen und denen 60 EUR im Monat für alles Übrige bleibt … das sind 15 EUR in der Woche und 2,14 EUR am Tag. Auch sie bekommen in der Bahnhofsmission ein Essen oder ein Paket Taschentücher.

Dieter Puhl zeigte mir die „Schatzkammern“ der Bahnhofsmission: Behälter mit Zahnpastatuben, Papiertaschentüchern, Einwegrasierern („Die können aus einem Obdachlosen einen Berlintouristen machen“), Schlafsäcken, gut erhaltener Kleidung, Damenhygieneartikeln, Nahrung mit langem Haltbarkeitsdatum. „Wir müssen immer schneller Spendenaufrufe schalten für alles Mögliche: Margarine, Klopapier, Zucker, H-Milch, Schlafsäcke, Kleidung … Gaben wir vor drei Jahren 4000 x pro Jahr Bekleidung heraus, so waren es im letzten Jahr 33 000 Ausgaben, dieses Jahr sind es über 40 000 Ausgaben“, so Dieter.

Er zeigte mir das im Bau befindliche Hygienezentrum der Bahnhofsmission, das kurz vor der Eröffnung stand. Den Obdachlosen werden dort die Haare geschnitten, sie können duschen, ihre Kleidung waschen … oder ihren Schlafsack, wenn der Besitzer dement ist und täglich in ihn uriniert. Sie kennen sicher das Sprichwort: „Es traf mich wie ein Blitz!“ Und genau so war es bei mir als ich verstand, dass „die Obdachlosen“ Menschen mit Problemen sind, die alle haben – nur auf einem ganz anderen, sehr niedrigen oder kaum messbaren Versorgungsniveau. Natürlich sind auch Obdachlose von Demenz betroffen. Auch wohnungslose Frauen werden schwanger, haben oft mehrere Kinder und keine Zukunft. Und die Grippe kann jeder bekommen, nur dass ein Obdachloser – im Gegensatz zu Menschen mit Wohnung – seine nasse Kleidung auf dem Körper behalten muss und auch im Sommer an Lungenentzündung sterben kann.

Auf meine Frage, wie Obdachlose eigentlich sterben, erhielt ich die nüchterne Antwort: „Sie sterben eigentlich nicht, sie verrecken eher, meist auf der Straße. Nur 100 Meter von unserem Eingang ist ein Mann verfault, weil er so ein Loch im Körper hatte, das nicht behandelt wurde“, sagte Dieter, nickte Richtung Ausgang und zeigte mit seinen Händen ein Loch von Kinderballgröße.

Es können große Unglücke sein, die Menschen auf die Straße bringen, schleichende Prozesse der Lebensverdrängung, aber auch der Unkenntnis, wie unser System funktioniert und wie man von wem, unter welchen Voraussetzungen, Hilfe bekommen kann. Oftmals ist es leichter, in den Umständen zu bleiben, die man gewohnt ist, als etwas zu ändern, denn ein anderer Weg wirkt extrem bedrohlich.

„Normale“ haben die gleichen Probleme wie Obdachlose – nur auf einem ganz anderen, guten oder gar sehr guten Versorgungsniveau. Auch wir haben Angst vor Veränderung, Angst vor dem Fremden, wünschen uns Annahme, Liebe und Frieden. Das vereint alle Menschen. Es hindert uns manchmal daran, auf andere zuzugehen und ihnen zu helfen. Was, wenn diejenige immer mehr von uns will? Wenn „der“ alles versäuft, dafür gehen wir doch nicht arbeiten. Wir können ja auch nichts für seine Probleme.

Sie haben Recht, es gibt viel Elend und vieles davon haben wir nicht zu verantworten. Oft haben andere es geschaffen und weigern sich, es zu beseitigen. Aber wissen Sie: Tun wir auch nichts, akzeptieren wir das Unrecht, und nichts ändert sich zum Besseren. Schlimmer noch: Wir übernehmen die Verantwortung, dass alles so bleibt, wie es ist.

Ich bin dankbar, dass über Menschen wie Alex Assali berichtet wird. Er erinnert uns daran, dass Menschlichkeit immer möglich ist und Dankbarkeit ein wunderbarer Motivationsgrund. Seit ich in der Bahnhofsmission zu Gast war, sehe ich die Welt noch einmal mit klareren Augen an und bin so dankbar für das, was ich habe, vom Großen zum Kleinen: Einen tollen Mann, zwei wunderbare Kinder, Arbeit, die mir Freude macht und mit der ich meine Persönlichkeit ausdrücken kann, die Dusche am Morgen, die Heizung, die brummt, wenn ich nassgeregnet nach Hause komme, die Diät, über die ich nachdenken darf, weil ich dem überreichen Nahrungsangebot – bisher 😉 – nicht widerstehen konnte …

Wofür sind Sie dankbar? Wenn Sie auf Facebook zuhause sind, haben Sie vielleicht schon Posts gelesen wie: „Heute bin ich dankbar für alles, das mit (ein beliebiger Buchstaben aus dem Alphabet) beginnt, nehmen wir „M“, wie „Menschlichkeit meines Chefs“, „Mut zur Veränderung“, „Mutter“, alles was „Mein“ ist … Ein Gedankenspiel, das hilft, sich bewusst zu machen, was gut ist im eigenen Leben.

Wie die Helfer in der Bahnhofsmission strahlt Alex Assali Warmherzigkeit aus, Freude und ruhige Gelassenheit. Er sagt, dass er den Obdachlosen nicht nur Essen geben will, er möchte ihnen auch nahe sein und einen Weg aus der Dunkelheit zeigen. Das ist wunderbar. Sie und ich können das ebenfalls: Denn wir entzünden ein Licht, wenn wir einem anderen die Hand zur Hilfe reichen – und es strahlt noch heller, wenn unsere Hand ergriffen wird – denn Hilfe für andere, ist immer auch Hilfe für uns. Ich bitte Sie daher:

Move Your Life – and those of others …

 

 

Foto: Melpomene/Shutterstock.com

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