Move Your Life

am letzten Wochenende waren wir bei Ihnen in der Mercedes-Benz-Arena zu Gast. Ich gebe zu, ich war skeptisch vor unserem Treffen. Ihr letztes Album hat mich nicht so begeistert wie „19“ und „21“. In meinem Ohr klang Ihre Stimme an einigen Stellen zu angestrengt und schrill. Wo war meine mir vertraute Adele, die ich schon vor ihrem ersten Album toll fand? Der Hype, der nach Ihrem Schwangerschaftsurlaub ausbrach, schien mir völlig überzogen. Eine Marketingstrategie, die für mich nicht aufging: Sie, überall, auf jedem Kontinent, in jeder Show, auf jedem Kanal. „Hello“ … nach mehreren Wochen wäre mir ein „Goodbye“ eigentlich ganz recht gewesen.

So erwartete ich Ihren Auftritt mit gemischten Gefühlen. Und dann „Hello“, kurz nach 20.00 Uhr. Schon wieder! Dennoch fand ich es toll, wie pünktlich Sie uns begrüßten, eine Höflichkeit, die nicht selbstverständlich ist bei Künstlern, die sich als „groß“ verstehen.

„Hellooooo“ eine echte Begegnung für mich – Sie sangen dieses zu viel gehörte Lied mit einer Stimme, die die Studioversion bei weitem (!) toppte. In mir vibrierte alles. Nichts Gequetschtes, nichts Gepresstes, nichts Geschrienes – einfach großartig. „Hometown Glory“, nein, nicht nur Ihre Stadt wurde auf die Leinwand projiziert, auch meine. Welch freundliches Willkommen … „Hello, Adele“.

Eine gelungene Auswahl Ihrer drei Alben zog mich in ihren Bann, moderiert von Ihnen in einer stimmlichen und persönlichen Präsenz, die ich überhaupt nicht erwartet hatte. Die anderen 11.999 Gäste schrumpften zur Kulisse eines tollen Abends in einem Londoner Club. Bei „Skyfall“ kannten wir uns schon so gut, dass Sie von Ihrer Schwangerschaft berichteten, in der Sie dieses Lied schrieben und performten. Wie sich der Körper veränderte durch die Hormone und Ihre Stimme damit viel mehr Tiefe hatte, aber auch ungeahnte Höhen erreichte. Sie würden heute Abend Ihr Bestes geben, aber, naja … Überhaupt die Schwangerschaft, mindestens 20 Mal am Tag mussten Sie pinkeln – ja, wirklich,  das sagten Sie, es schien Sie gar nicht zu stören, dass andere Ihnen zuhörten. Ihre unzähligen „Fuck“, „Fuck off“ oder „Fuck you“ ließen in mir den Eindruck entstehen, wir träfen uns nach einem „Fucking work day“ bei Ihnen zuhause auf ein Bier. Die Schuhe hatten Sie ja schon aus, aber Sie erinnerten sich, Gott sei Dank, daran, dass Sie Ihr Kleid nicht zu hoch ziehen durften. Was da wohl für Videos im Internet erscheinen würden … Dennoch zeigten Sie uns ungeniert immer wieder Ihre sehr weibliche Rückseite, wenn Sie sich zum Publikum hinunterbeugten. Wieso auch nicht? Meine sieht auch nicht anders aus!

Sie suchten das Gespräch, machten Erinnerungsfotos, begrüßten Gäste aus scheinbar allen Ländern der Welt. Und freuten sich wie eine Schneekönigin, dass alle Ihretwegen kamen. Ihren feinen, manchmal derben englischen Humor, mit der Sie den Starkult runterbrachen auf eine persönliche Ebene, fand ich wunderbar (Ihre dreckige Lache übrigens auch!!). Sie können es selbst noch nicht ganz glauben, wie schnell Sie aus Tottenham rausgekommen sind, stimmt´s?

“Everybody loves the things you do
From the way you talk
To the way you move
Everybody here is watching you
Cause you feel like home
You’re like a dream come true
But if by chance you’re here alone
Can I have a moment before I go
Cause I’ve been by myself all night long
Hoping you’re someone I used to know

You look like a movie
You sound like a song
My god this reminds me
Of when we were young …“

Mit diesem Song bin ich Ihnen erlegen. Es war schon in der Zugabe und Sie waren fantastisch. Sie erklärten, dass Sie nach der Schwangerschaft eine Pause brauchten. Deswegen hätte es mit Ihrem neuen Album eine Weile gedauert. Sie wussten nicht mehr, wer Sie waren. „Wo ist diese Frau, die ich vorher war?“, riefen Sie ins Publikum, „werde ich sie jemals wiedersehen?“, so fragten Sie sich damals. Sie sprachen davon, wie  Sie langsam wieder Fuß gefasst und begonnen hätten, Lieder zu schreiben. Nichts habe Ihnen zunächst gefallen … bis dann „When we were young“ entstand.

Liebe Adele, noch heute bin ich fasziniert von Ihrem Auftritt. Sie haben direkt in mein Herz gesungen und beim Zuhören wurde mir klar, dass ich selbst so gehandelt hatte, wie ich es oft an anderen Menschen kritisiere: Ich urteilte über etwas – in diesem Fall über Sie – weil Sie nicht meinen Erwartungen entsprachen. Ich lehnte Ihr letztes Album ab, weil ich die Adele, die ich kannte, darin nicht wiederfand. Als hätte ich einen Anspruch darauf.

Ich war ziemlich überrascht, wie sehr ich mir selbst auf den Leim gegangen war. „Erwarte nichts und akzeptiere alles“ – eine meiner Lieblingsweisheiten, um Stress zu vermeiden. Aber manchmal fallen wir doch in alte Gewohnheiten zurück und sind ärgerlich, weil die Dinge nicht so sind, wie wir sie gern hätten und glauben, dass sie richtig sind. Dabei sind die neuen Erfahrungen vielleicht sogar viel schöner. Und Menschen, die sich verändern, erst recht.

Natürlich müssen Sie, liebe Adele, auf Ihrem dritten Album anders klingen, als bei ihren ersten beiden. Was haben Sie nicht auch alles in der Zeit erlebt. Wie schön, auch von Ihnen zu hören, dass wir uns manchmal im Leben verlieren und dann nicht mehr wissen, wer dieser Mensch ist, in dessen Körper wir sind.

Danke, für die Erinnerung! Danke, für diesen unvergleichlich tollen Abend mit Ihnen und Ihrer Stimme. Und danke, für Ihr drittes Album. Ich habe es in der letzten Woche mehrmals gehört … es ist wunderbar! Ich bin froh, dass ich es nun erkannt habe. Ich freue mich auf Ihr nächstes Album und die Facetten, die Sie dann in Ihrer Stimme tragen.

Move Your Life!

Foto: waespi_berlin070516_36

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