… manchmal werden wir von Ereignissen einfach überrollt. Kennt ihr das?

Seit langer Zeit hatte ich den Wunsch, eine Lesung zu halten. Vom Text her war ich gedanklich nicht festgelegt, aber zwischendurch sollte immer wieder Musik spielen, live, mit Musikern, die mit mir auf der Bühne waren. Mit Worten kann man viel ausdrücken, aber nicht alles. Oft haben sie eine eingeschränkte, unflexible Aussage – wir benutzen sie im üblichen Kontext, aber Variationen davon müssen manchmal lang erklärt werden. Mit Musik hingegen kann man Nuancen ganz einfach und direkt sprechen lassen. Musik erreicht die Seele ohne Umwege.

Vor einigen Jahren erzählte ich meinem Freund Mathis, Vollblutmusiker, von meinem Lesungswunsch und er strahlte mich an: „Das ist ein Kindertraum von mir, so etwas möchte ich schon immer machen. Ich liebe es, am Klavier zu improvisieren. Es wäre doch toll, wenn wir das verbinden.“ Wir waren beide total fasziniert, wie wir unabhängig voneinander einen ganz ähnlichen, nicht unbedingt alltäglichen, Wunsch haben konnten und sprachen in den Folgejahren immer wieder mal darüber. „Es wäre doch toll, wenn wir …, nicht wahr?!“

 

Liebe1Vor einigen Wochen fiel nun die Entscheidung: „Lass es uns angehen“. Wir begannen zu planen – wann, wie, wo – fanden einen geeigneten Tag, einen schönen Raum mit Klavier und waren uns zum Schluss einig: Es wird keine Lesung, sondern eine Erzählung. Improvisation mit Worten – und am Klavier. Was für eine großartige Idee!

 

Liebe2Worüber ich sprechen werde, war auf einmal ganz klar: Ich erzähle von meiner Begegnung mit Herrn K. Ihn hatte ich in meiner Ausbildung in der ehrenamtlichen Sterbebegleitung kennengelernt. Die gemeinsame Zeit war für uns beide sehr wichtig und ich lernte viel über das Sterben, das Leben und vor allem über mich. Dennoch sind es universelle Erkenntnisse, die nicht nur mein Leben schöner und intensiver gemacht haben, sondern die auch andere bereichern können. Mathis und ich sind überzeugt, dass es lebensnotwendig ist, den Tod aus einer Tabuzone zu holen. Dafür Raum zu geben, dient unsere Veranstaltung. Es wird aufregend sein, wenn daraus ein gemeinsamer Prozess mit unserem Publikum wird.

 

Manchmal werden wir von Ereignissen einfach überrollt. Kennt ihr das?

Die Nachricht, dass ein mir sehr nahestehender Mensch unheilbar erkrankt ist, traf mich letzte Woche völlig unvorbereitet. Eine feste Konstante in meinem Leben. Sehr verlässlich, liebevoll, immer da. Mitanzusehen, wie sich sein Zustand täglich verschlechterte, war furchtbar und machte mich unendlich traurig. Nicht helfen zu können … ganz schlimm. Ich fühlte mich klein und verloren. Wir haben doch gerade noch telefoniert. Zu Weihnachten schrieb er mir … Auch der Schmerz seiner Familie tut weh, der seiner Freunde und Weggefährten.

Wenn ich an die letzten Jahre mit meinem jetzt schwerkranken Freund zurückdenke, fühle ich große Dankbarkeit. Wir haben die Zeit genutzt, intensive Gespräche geführt, uns gezeigt, wie wichtig wir uns sind, waren liebevoll und uneigennützig füreinander da.

Mit dazu beigetragen hat auch meine Zeit mit Herrn K. Weil ich seitdem offener auf Menschen zugehe und erkannt habe, dass wir unsere Zeit nicht vergeuden dürfen. Mauern, die wir um uns errichten, lassen wirkliche Nähe oft nicht zu. In der Gegenwart des Todes werden diese aber eingerissen, Konventionen treten zurück. An ihre Stelle kann ein liebevolles Verständnis für unser Menschsein treten. Liebe können wir in ganz vielen, unterschiedlichen Facetten erleben.

Liebe wird in unserem Sprachgebrauch oft nur im Zusammenhang mit unserem Lebenspartner, der Familie, maximal noch mit langjährigen Freunden in Verbindung gebracht, dabei ist sie so viel mehr. Sie ist nicht in dosierter Form für bestimmte Personen da, sie wird nicht weniger, wenn wir sie jemandem schenken. Sie ist immer dort, wo wir sie sehen, sie geben und annehmen. Das habe ich durch Herrn K. gelernt. Und ich lerne es wieder durch die Krankheit meines Freundes.

 

Sich der Liebe zu öffnen, bedeutet zu leben: L(i)ebe – liebe – lebe.

Move Your Life!

 

Einladung L(i)ebe: Andreas Hale, Foto: Shutterstock/zentradyi3ell

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