Move Your Life

Als ich vor ein paar Jahren meine Ausbildung zur Heal-Your-Life-Workshoptrainerin in England machte, bestand zum Ende des Seminars eine Aufgabe darin, uns selbst einen Brief zu schreiben … nicht nur irgendeinen – nein, einen richtigen Liebesbrief! Wir sollten beim Schreiben an uns selbst denken, uns selbst so in den Mittelpunkt stellen, als würden wir an eine über alles geliebte Person schreiben. Unser Liebesbrief an uns würde ordnungsgemäß eingetütet, frankiert und … sollte uns irgendwann von unserer Seminarleiterin zugeschickt werden. Wann wüssten wir nicht. Er würde genau zum richtigen Zeitpunkt bei uns eintreffen, erfuhren wir augenzwinkernd.

 

Trotz intensiven Trainings in Selbstannahme und Selbstliebe, trotz des Ansehens belastender Ereignisse, trotz Vergebungsarbeit für uns selbst und andere, trotz des Erkennens, dass wir alle ähnliche Verletzungen mit uns rumtrugen … wir schauten uns alle recht fassungslos und leicht überfordert an. Du meine Güte, wir sollten uns selbst einen Liebesbrief schreiben. Waren wir das wert??

 

Mein Brief erreichte mich Wochen nach meinem Seminar. Ich hatte ihn nicht mehr auf dem Schirm. Nach einem anstrengenden Tag kam ich nach Hause, öffnete den Briefkasten und nahm ein Bündel Post heraus. Als ich einen Brief mit meiner Handschrift und einer englischen Briefmarke drauf sah, durchfuhr mich ein Blitz der Freude: Die Erinnerung an das Seminar, an die wunderbaren Menschen, die liebevollen Begegnungen, das Besondere, das wir teilten – all das war in diesem Augenblick wieder präsent. Ja, Sharon hatte Recht behalten: der Brief kam genau zum richtigen Zeitpunkt. Aber was hatte ich mir geschrieben? Ein unerwarteter Liebesbrief eines Fremden hätte mich nicht mehr thrillen können, als dieser von mir selbst verfasste.

 

Ich kochte mir erstmal einen Kaffee und wollte den Moment der Brieföffnung so weit wie möglich hinauszögern. Gleichzeitig jieperte alles in mir, ihn zu lesen.

 

„Liebe Manuela …“, las ich, „ich bin sehr stolz auf dich, wie mutig du dich in diese Ausbildung geworfen hast, in einer fremden Sprache, auf dich allein gestellt und dass du dir selbst erlaubt hast, so viel zu investieren …“. Nach kurzer Zeit saß ich tränenüberströmt auf meinem Bett und war glücklich, dass niemand zuhause war. Ich hätte nicht gewusst, wie ich mein Verhalten hätte erklären sollen. Ich weinte und gleichzeitig freute ich  mich, schluchzte und murmelte immer wieder „Oh, mein Gott“. Ich floss wirklich über vor Liebe für mich … ich fühlte das intensive Gefühl der Wertschätzung, das ich beim Schreiben für mich empfunden hatte und das machte den Moment des Empfangens so kostbar. Ich war dankbar, dass wir diese Aufgabe damals erhielten und glücklich, dass ich wirklich ernst gemeinte Worte gefunden hatte. Mein Brief endete mit den Worten: „Du bist wundervoll und dafür liebe ich dich!“

 

Vor ein paar Tagen fiel mir der Brief wieder in die Hände und wahrhaftige Liebe für mich breitete sich in mir aus. Wie gut, dass ich ihn mir damals geschrieben habe … aber leicht fiel es mir nicht. Niemandem von uns.

 

Bei einigen meiner Seminarkollegen kullerten Tränen, andere guckten blicklos aus dem Fenster, wenige schrieben zögerlich los. Taschentücherboxen wurden herumgereicht. Eine Mitschülerin verließ wortlos den Raum. Erst viele Stunden später sah ich sie leergeweint zu uns stoßen. „I did it!“, sagte sie beinah triumphierend. Wir umarmten einander.

 

Ist Selbstliebe wirklich so schwer? Nach meinen Erfahrungen: Ja! Wir sind es nicht gewohnt, liebevoll mit uns selbst umzugehen. Wir sind oft unser schlimmster Kritiker. „Was hast du denn nun schon wieder gemacht?“ „Du bist zu … dick / blöd / alt / dumm / einfallslos / naiv / untalentiert …“ „Du bist nicht so gut wie andere.“

 

Wie sprichst du mit dir?

 

Stell dir mal vor, in dir würde ein etwa vierjähriges kleines Kind wohnen, eine Mini-Ausgabe von dir als Erwachsener. Es steht vor dir, ängstlich, in Erwartung dessen, was du von ihm hältst. Du nimmst gar nicht richtig wahr, wie es ist, sondern siehst nur das Negative, kübelst alles über ihm aus, was dir nicht gefällt, wo es nicht funktioniert, wo es stört, anders ist, wo es Angst haben muss. Offen zeigst du deine Ablehnung. Würdest du so mit einem Nachbarskind sprechen?

 

Jetzt nimm dir doch einmal die Zeit, deine Mini-Ausgabe liebevoll zu betrachten: Gibt sie sich nicht wirklich viel Mühe? Zeigt sie dir nicht, wie wichtig deine Anerkennung ist? Rührt dich das nicht wenigstens ein bisschen? Erfüllt dich vielleicht etwas mit Stolz? Schreib alles auf.

 

Und dann schreib einfach weiter: Schreib dir einen Liebesbrief. Fang an mit „Liebe/r …“, schau zurück, was dich dorthin gebracht hast, wo du jetzt bist. Wie oft du neu angefangen hast und wie gut du das gemacht hast. Lobe deine Umsicht, auf dich aufzupassen und nicht jeden Trend mitzumachen. Freu dich daran, wie gut du wirtschaften kannst, wie hilfsbereit du bist, wie großzügig, wie du dich verschenkst, wie schön du Geschenke einpackst und wie viele Menschen sich auf dich verlassen. Danke dir selbst, dass du wichtige Menschen in dein Lieben ziehst und dass du annehmen kannst, was du aus der Beziehung mit ihnen lernst. Hab Verständnis für dich. Ermuntere dich, dein Herz weiterhin offen zu halten … Alles zählt. Dann pack den Brief in einen Umschlag, adressiere ihn an dich, mach eine Briefmarke drauf und gib ihn einer Person deines Vertrauens. Sie soll ihn abschicken, wann sie es für richtig hält. Und du wirst sehen, es wird genau der richtige Zeitpunkt sein 🙂

 

Move Your Life!

 

Foto: Shutterstock.com/Pixel Embargo

 

 

 

 

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