es ist unglaublich, wie groß du geworden bist. Mehr als einen Kopf überragst du mich jetzt und ich glaube, da kommt noch was. Mein Vater würde jetzt sagen: „Es ist ja auch keine große Kunst bei dir, du bist ja selbst nur einen halben Kopf größer als ein Dackel.“ Okay, das ist jetzt schon ein bisschen übertrieben und mit Paps sprichst du inzwischen auch auf Augenhöhe. Tatsächlich bist du sehr gewachsen, wenn du auch noch nicht erwachsen bist.

Ich fühle mich gerade ziemlich geflasht, wenn ich feststelle, dass all die Dinge, die ich schon in Frauenzeitschriften gelesen und von anderen Eltern gehört habe (sogar von meinen eigenen!) nun auf dich und mich zutreffen. Das ist total seltsam und ich fühle mich manchmal parallel in unterschiedlichen Zeitebenen: Alt, wie meine Ahninnen, weil ich nun Dinge erlebe, die sie mir erzählten (und da du es nicht wissen kannst: Auch als älteres Kind, wie ich eines bin, will man die Welt noch immer nicht gern so sehen, wie sie die Eltern einem erklärt haben), jung, wie ich mich als Frau fühle, verständnisvoll, weil du mich oft so an mich erinnerst, ängstlich, weil ich sehe, dass du meinen Dickkopf hast und weiß, dass du dir den oft noch anschlagen wirst, besorgt, weil du deine eigenen Erfahrungen machen willst (du Dickkopf!!) – und natürlich auch sollst (wie sollst du die Welt denn sonst verstehen?), stolz, wenn ich sehe, wie willensstark du bist, traurig, wenn ich daran denke, dass die meiste Zeit in unserer Familienkonstellation schon hinter uns liegt, erwartungsvoll, wenn ich mir vorstelle, wie wir uns als Erwachsene begegnen werden und ich mich frage, wie es sein wird, wenn du mal Kinder hast, sorgenvoll, weil ich nicht weiß, ob ich alles richtig gemacht habe und glücklich, wenn ich sehe, dass du ein viel stabilerer junger Erwachsener sein wirst, als ich es war. Und wenn ich an diesem Punkt bin, freu ich mich.

Meine Eltern nannten mich immer „furchtbar naiv“, weil ich in jedem Menschen das Gute sah und mir nicht vorstellen wollte – es meist auch nicht konnte – dass sie mir wehtun könnten. Ich weiß es heute besser. Dennoch kann ich dir keinesfalls den Rat geben, dich einzuigeln und nur als Spieler der „Minecraft-Welt“ dein Glück zu suchen. Ich weiß, es gibt inzwischen viele Studien, die belegen, dass PC-Spiele auch Gutes bewirken. Das glaub ich auch. Und ich spiele ja selbst gern – aber es gibt noch sooooooo viel mehr!!!

Ich versuche mir oft vorzustellen, wie ich in der heutigen Zeit als Teenager wäre, was ich machen würde und wie meine Zukunft aussähe. Ich weiß es nicht. Es hängt ja von den Möglichkeiten ab, in die man hineingeboren wird, von den Weltbildern, die einem vermittelt werden und von einem selbst, welche Chancen man ergreift. Sehe ich dich und deine Freunde erkenne ich, dass die Vielzahl der Möglichkeiten auch eine Last sein kann und die Suche nach Sinn und Halt euch manchmal überfordert. Trotzdem erkenne ich oft den roten Faden des generationsübergreifenden Teenagerverhaltens in deinem (Nicht)Handeln: Provokation, Widerstand, Aufschieberitis, Widerstand, Hilflosigkeit, Widerstand, Angst, Widerstand, Entdeckerwillen. Hatte ich schon Widerstand?? Das alles ist mir selbst aus meiner Jugend bekannt und ich fühle mich, wenn ich die Parallelen zu meinem eigenen Leben sehe, sicherer in der Einschätzung deiner Lebenssituation.

Aber weißt du, was witzig ist? All deine Gefühle hab ich jetzt auch. Auch ich habe starke Stimmungsschwankungen, du weißt ja: „himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“, entscheide mich bewusster als früher für das, was ich essen oder (nicht) anziehen möchte, bewerte Beziehungen neu und leide unter hormonellen Schüben, die mich nachts schwitzend wach liegen lassen. In meinem Alter nennt man das „Wechseljahre“ und ich verstehe sie als eine Zeit der Häutung und Selbstfindung. Sie stehen auch für eine neue Kompromisslosigkeit, die an die Stelle von Widerstand getreten ist. Manche Sachen gehen einfach nicht mehr.

Ich möchte dir immer noch gern den Himmel auf Erden schenken, aber du bist jetzt schon „so groß“, dass ich dich bitten kann, Verantwortung für dich und dein Leben zu übernehmen. Dazu gehört, dass du deine Verpflichtungen ernst nimmst und auch deine Mitmenschen. Vor allem die, die dich lieben und es gut mit dir meinen. Dazu gehöre ich.

Ich bitte dich, dass du aufhörst, andere verantwortlich zu machen, wenn etwas nicht gut läuft. Niemand ist verantwortlich außer dir selbst, wenn du z.B. nicht rechtzeitig morgens aus dem Bett kommst, deine Monatskarte abgelaufen ist oder du dich in der Schule nicht ausreichend einlässt. Du selbst bist es, der die Signale setzt. Wenn du Entscheidungen triffst, steh dazu. Ist das Ergebnis nicht nach deinem Geschmack, lerne etwas für’s nächste Mal und gib nicht der Situation die Schuld. Ändere etwas zum Besseren, dann ändert sich auch dein Leben entsprechend. Manchmal ist eine Situation besch*, sie ist so und du kannst nichts dagegen tun, aber du kannst immer noch entscheiden, wie du darauf reagierst.

Auch ich bin verantwortlich für mein Handeln und ich gebe dir nicht die Schuld für meine schlechte Laune, wenn ich mich über dich ärgere. Ich gebe dir auch nicht die Schuld dafür, dass du bist wie du bist und machst, was du machst. Aber ich möchte auch nicht etwas schön finden müssen, was mir nicht gefällt. Ich werde keine Verantwortung mehr von dir übernehmen, die deine ist, weil es bequemer ist, schon immer so war oder dem Familienfrieden dient. Auch ich werde erwachsen.

Aber du weißt ja: Das Erwachsenenleben birgt Fallstricke. Wir erleiden Rückfälle und vergessen unsere guten Vorsätze. Sollte ich also mal wieder schmollen, dir die Verantwortung zuschieben wollen für einen vermurksten Tag, sag einfach nur:

Move Your Life!

Foto: Javier Martin/Shutterstock.com

P.S. Die Ähnlichkeit mit nahestehenden Personen ist nicht immer zufällig, erstreckt sich aber auf alle Teenagerkinder, die ich kenne und auch auf ihre Mütter!

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