Im Englischen gibt es den Ausdruck des „Letting Go“, was wir zutreffend mit „Loslassen“ übersetzen. Das hör ich jetzt überall, neulich sogar bei meinem Morgenspaziergang: Da überholte ich zwei Teenager auf ihrem Weg zur Schule. Die eine sagte: „Der Bernecker ist so ein Arsch, der hat mir glatt eine sechs gegeben, weil ich für das Referat nichts gemacht habe.“ Die andere antwortete:  „Du musst das jetzt einfach loslassen, sonst belastet das deine Zukunft.“ Worauf die erste jammerte: „Aber die ist doch jetzt schon versaut.“

Ich geb zu, der Dialog erheiterte mich etwas. Ich war auch erstaunt, so etwas überhaupt von so jungen Menschen zu hören. Aber gleichzeitig fragte ich mich auch, ob dieses „Loslassen“ nicht inzwischen zu einem Modewort verkommt. Ist es überhaupt immer gut, jede Erfahrung „loszulassen“, ohne über sie nachzudenken? Hatte Teenie 1 sich z.B. gefragt, ob Lehrer Bernecker ihre Zukunft versaute? Oder hielt sie es für möglich, dass ihre fehlende Mitarbeit die Basis dafür gelegt hatte? Je nachdem würde ihre Zukunft unter einem anderen Einfluss stehen.

Nicht dass ihr denkt, ich sei gegen das „Loslassen“. Im Gegenteil, ich bin ein großer Fan davon. Es ist mir wichtig, mit Dingen abzuschließen und sie möglichst hinter mir zu lassen, um nicht die Energie der belastenden Erfahrung immer wieder neu zu aktivieren und damit quasi täglich die Vergangenheit zu reproduzieren. Wie soll da meine Zukunft aussehen? Vermutlich wie gestern.

Aber ich bin auch auch davon überzeugt, dass es wichtig ist, nicht einfach über negative Erlebnisse hinwegzugehen. Viele, wichtige Botschaften können darin verborgen sein können:

  • Vielleicht lehren sie mich, bestimmte Menschen nicht mehr in meinem Leben haben zu wollen, weil es immer nur um sie geht. Und weil ich keine Lust mehr habe, das zu bedienen.
  • Oder ich lerne, dass mein Verhalten bestimmte Reaktionen bei anderen hervorruft – und ich muss entscheiden, ob ich damit umgehen kann oder nicht.
  • Ich kann mich fragen, ob ich diese Erfahrung zum wiederholten Male mache, woran das liegt, ob ich es gut oder schlecht finde und daher etwas ändern möchte.
  • Ich kann aufsteigende Gefühle zur Kenntnis nehmen und versuchen, sie zu akzeptieren. Sie haben ihre Berechtigung.

Natürlich erwarten wir, dass uns jemand freundschaftlich behandelt, wenn wir auch immer für ihn da waren. Wie bitterlich sind wir enttäuscht, wenn wir das Gegenteil erfahren. Das ist mir übrigens gerade selbst so passiert und ich habe noch nicht jedes bittere Gefühl „losgelassen“. Aber  das ist o.k., ich bin dabei. Mir hilft der Gedanke, dass ich mich aus MEINEN Wertevorstellungen heraus auf eine bestimmte Art und Weise verhalten habe, die mich ausmacht. Wenn andere Personen nicht so handeln, ist es schmerzhaft. Aber es sagt doch mehr über sie selbst aus als über mich.

Eltern formulieren ja gelegentlich, dass sie sich für ihre Kinder den Allerwertesten aufgerissen hätten, und DAS (…) wäre nun der Dank. Ja, Kinder können Erwartungen enttäuschen und man kann zweifellos auch traurig deswegen sein. Aber was wäre die Schlussfolgerung? Würde man seine Kinder verwahrlosen lassen, weil sie es einem möglicherweise in der gewünschten Form nicht vergelten werden? Ich denke, man verschenkt seine Liebe doch eher aus sich heraus und weniger aus dem Motiv der gegenseitigen Aufrechnung.

Dennoch finde ich, gibt es auch berechtigte Erwartungen: Arbeiten wir, können wir Lohn dafür erwarten (Lob leider nicht immer, auch, wenn wir uns das wünschen 😉 ), versprechen wir etwas, darf der andere erwarten, dass wir uns daran halten, gehen wir in einen Laden und beißen herzhaft in ein Brötchen, darf die Angestellte erwarten, dass wir es bezahlen. Aber bei unausgesprochenen Erwartungen oder gesellschaftlich vorgegebene Erwartungshaltungen würde ich vorsichtig sein.

Und – in nicht erfüllten Erwartungen liegt zuletzt auch eine Chance: Nämlich hinzuschauen, welch überraschende Wendung das Leben einem gerade offeriert. Dazu muss man bereit sein, seine Erwartung an das, was hätte sein sollen, lozulassen und zu schauen, was jetzt gerade ist. Dann lernen wir vielleicht sogar etwas.

Wie ich z.B. bei meinem eingangs geschilderten belauschten Gespräch auf meinem Morgenspaziergang. Da antwortete nämlich Teenager 2: „Deine Zukunft ist niemals versaut. Sie wird das sein, was du von ihr erwartest!“. Puh, darüber musste ich erstmal nachdenken. Danke.

Move Your Life … to Love and Joy!

Foto: Jacob_09/Shutterstock.com

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