Wenn meine Familie und ich in London sind, gehen wir zum Sonntagsgottesdienst in eine kleine Kirchengemeinde im Süden der Stadt, nach Norbury. Diese Tradition pflegen wir seit mehreren Jahren. Ursprünglich fanden wir den Weg dorthin, weil wir den Kirchenchor hörten und dessen schöne Stimmen bewunderten. Inzwischen fühlen wir uns – wenn auch nur als Gäste – als temporärer Teil der kleinen Gemeinde. Es dauert immer weniger lang, bis man uns erkennt und freundlich willkommen heißt. Wir genießen den planbaren Ablauf, die Liturgie, das Miteinandersingen, hören gern der Predigt zu, die immer von einem anderen Mitglied der Gemeinde vorgetragen wird und oft sehr Persönliches zum Inhalt hat. Den unzweifelhaften Höhepunkt bildet für alle der Teil, in dem die Gottesdienstbesucher sich einander zuwenden, durch die Kirchenreihen gehen, sich die Hände schütteln und deutlich und voller Wärme zueinander sagen: „May peace be with you!“ Die Energie im Raum steigt sofort spürbar, das „Einander-zugewandt-sein“ berührt außen wie innen und ein Gefühl des Friedens breitet sich aus. Das sich anschließende Gemeindetreffen gibt die Möglichkeit, sich auszutauschen, Hilfe zu erfragen oder anzubieten und selbst gebackenen Kuchen und Kaffee miteinander zu teilen. Wir fühlen uns innerlich ganz warm und dieses Gefühl hält meist den ganzen Tag.

May peace be with you!

Dieser Satz geht mir seit den Attentaten in Paris immer wieder im Kopf herum, gerade weil ich feststelle, dass derzeit kein Frieden mit uns ist. Die Zeitungen sind voll von Schlagzeilen und Berichten: „Szenen aus der Horror-Nacht … Wir zeigen die bewegenden Bilder aus der französischen Hauptstadt“, „Dritter Weltkrieg“, „Totaler Krieg“, „Schweigeminute in Monaco“, „Das sagen Prominente“, „Wie … die Liebe ihres Lebens verlor“ …

Am Wochenende haben viele meiner Freunde bei Facebook ihr Profilbild mit der französischen Flagge überdeckt. Große Trauer war zu spüren, überall, auf der ganzen Welt. Ein Freund tauschte sein Profilbild gegen das der libanesischen Fahne aus und schrieb über einen schlimmen Bombenangriff mit 44 Toten. Unschuldige Opfer auch in Syrien, im Irak, in Nigeria, Libyen, in der Ostukraine, Afghanistan, in der Türkei, in Algerien, im Sudan, im Kongo … die Liste ist keinesfalls abschließend. Überall auf der Welt sterben Menschen täglich aufgrund gewaltsamer Auseinandersetzungen, die Ursachen dafür sind unterschiedlich und doch vergleichbar – und auch ihre Auswirkungen: Hass, Trauer, Verlust von Angehörigen und Habe, seelischer Rückzug, Rachewünsche, Hunger, Wohnungslosigkeit, Armut, Angst, Angst, Angst…

Auch bei meinen Kindern spüre ich Angst – vor den Ereignissen, ihrer Hilflosigkeit, vor dem, was noch kommen mag. Sie wollen diskutieren: Ist Deutschland sicher? Sollten wir besser nicht mehr verreisen? Wenn es Attentate in Berlin gibt, dann vielleicht am Potsdamer Platz? Wird alles in einen Atomkrieg münden?

Diese Fragen beschäftigen mich auch ab und an. Ich denke an den Film „Der Soldat James Ryan“ und bete darum, dass meine Kinder nie in den Krieg ziehen müssen – oder dass sie Opfer einen Attentats werden, weil sie zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort sind. Ich erinnere mich daran, dass, als mein Mann und ich jung waren, wir darüber diskutierten, ob wir nach Paris fahren sollten. Damals gab es Anschläge der algerischen GIA in der Métro mit Toten und Verletzten. Die Atmosphäre war beängstigend, zumal es auch Anschläge der ETA im Baskenland gab oder Explosionen in Belfast. Damals entschieden wir uns zu fahren, weil man niemals irgendwo sicher ist. Sich zuhause zu verbarrikadieren sahen wir nicht als Lösung an, weil wir es als Rückzug verstanden, als Panik und nicht zuletzt als Sieg der Angst. Wo sollte man dann aufhören? Selbst der Weg zur Arbeit könnte dann zum potenziellen Risiko werden, weil zufällig der Wagen des türkischen Premiers neben einem in die Luft flöge. Ebenso bestand die Gefahr, dass der Besuch eines politischen Films von anders denkenden Aggressoren in ein Gemetzel münden könnte. Auch mein Nachbar könnte unter Alkoholeinfluss ausrasten und mich niederschlagen wollen.

Die Menschen in der kleinen Kirche im Süden Londons erzählen in ihren Gottesdiensten oft von den Problemen in ihrer Gemeinde, mit ihren Ehepartnern, Kindern, Nachbarn oder mit sich selbst. Nach Jahren schlimmer Leiden berichten einige von einem Erwachen aus der Finsternis – das war oft der Moment, in dem sie erkannten, dass sie etwas ändern mussten – sich selbst – nicht den Ehepartner, die Kinder, den Nachbarn oder den Staat. Denn solange in uns selbst der Aufruhr tobt, ist kein Frieden und es ändert sich nichts. Es ist unsere eigene Aufgabe, in uns selbst für Frieden zu sorgen, unabhängig von anderen und den Geschehnissen um uns herum.

Ich höre Sie fragen: Verhindert diese Haltung Krieg? Gibt es dadurch weniger Gewalt, Trauer, Angst und Hass? Ja, natürlich, ganz sicher sogar – und zwar in Ihnen selbst! Es macht einen Unterschied, ob Sie sich von der Welt zurückziehen, abgrenzen und verbittern oder ob Sie bereit sind, sich einzulassen.

Daran versuche ich mich selbst zu erinnern, wenn ich mich in Angst verliere. Ich denke an die Menschen im Gottesdienst in England, die trotz aller Probleme den Entschluss fassen, aufeinander zuzugehen, sich begegnen, Sorgen und Essen teilen und sich Frieden wünschen. Frieden ist eine Entscheidung – immer wieder. Und daher lohnt es sich (frei nach meinem berühmten, angeheirateten Urahn), auch im Angesicht eines möglichen Weltuntergangs, ein Apfelbäumchen zu pflanzen. Denn in dieser Handlung ist die Hoffnung verborgen, dass es in der Zukunft viele schöne Früchte trägt – auch wenn man sich das im Augenblick gerade nicht vorstellen kann.

May peace be IN you!

 

 

Foto: maxstockphoto/Shutterstock.com

1 Kommentar
  1. Helmut Krost
    Helmut Krost sagte:

    Liebe Manuela,
    deine Gedanken sprechen mir aus der Seele.
    Wir sprechen noch darüber. Bis nachher herzliche Grüße
    Helmut

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