Im Englischen gibt es ein Sprichwort, es heißt: „Yesterday is history, tomorrow is a mystery, today is a gift. That´s why we call it the present“. Es spielt mit den Wortentsprechungen “gift” und “present”, die synonym für „Geschenk“ benutzt werden. Gleichzeitig steht „present“ aber auch für die Gegenwart. Übersetzt bedeutet es daher so viel wie: „Gestern ist bereits Geschichte, Morgen ist noch ein Geheimnis. Das Heute ist ein Geschenk, das wir nur in der Gegenwart genießen können.“

Ich liebe dieses Sprichwort. Und es ist sehr wahr.

Letzte Woche habe ich von dem plötzlichen Tod einer meiner Lehrerinnen erfahren. In den letzten zwei Jahren war Veritiy eine wichtige Ansprechpartnerin in meinen Ausbildungsprogrammen in England. Eine sehr lebensbejahende, warmherzige und vitale Frau, so Anfang 70. Nach unserem ersten Seminar vor zwei Jahren nahm sie mich in den Arm und sagte zu mir: „Manuela, ich muss mich bei dir entschuldigen. Als ich auf der Seminarliste las, dass du aus Deutschland kommst, hatte ich kein gutes Gefühl und richtige Vorbehalte. Als Kind habe ich schlechte Erfahrungen mit den Deutschen gemacht, meine Eltern haben Schlimmes erlebt. Jetzt, nachdem ich dich kennengelernt habe, kann ich mich überhaupt nicht mehr verstehen. Du bist so ein lieber Mensch, eine wunderschöne Seele. Und du kommst eben aus Deutschland. Ich danke dir, dass ich durch dich meine Vorurteile überwunden habe. Meine Welt ist wieder ein Stück größer geworden.“ Und sie umarmte mich noch einmal sehr herzlich.

Ich war absolut überwältigt und denke ich daran, bin ich es immer noch. Ich hatte ihr in der ganzen Zeit keine Vorbehalte angemerkt, sie war sehr freundlich zu mir wie zu allen anderen, sie hätte mir ihre Bedenken gar nicht mitteilen müssen. Dass sie es tat, war ein Geschenk an uns beide: Sie befreite sich von alten, belastenden Vorurteilen und sie zeigte mir, wie wichtig es ist, sich für den Augenblick zu öffnen. Zu erkennen, dass sie ihr Herz weit genug machte, um den Menschen zu sehen und nicht nur ihre Vorstellungen von ihm, beeindruckte mich sehr. Und sie ist mir seitdem oft ein Vorbild, wenn ich mich selbst dabei ertappe, in Voreingenommenheit zu baden, anstatt mir einen neuen Blick auf die Situation und die Menschen darin zu erlauben.

Verity starb völlig überraschend und – soweit wir das wissen – kerngesund. Abends ging sie ihrer großen Leidenschaft, dem Tanzen, nach und morgens wachte sie nicht mehr auf. Es klingt nach einem sehr gelungenen Übergang in den nächsten Seinszustand und die, die sie besser kannten, sind davon überzeugt, dass sie dort schon wieder begeistert tanzt und sich und ihre Umgebung neu organisiert.

Ihre Familie, Freunde, Bekannte und Schüler müssen nun einen Weg finden, zu akzeptieren, dass sie nicht mehr auf die gewohnte Art und Weise mit Verity in Kontakt sein können. Ob sie an ein Leben nach dem Tod glauben, an die Möglichkeit einer anderen Art von Verständigung, ist als Trost dabei vielleicht nicht so wichtig. Die kostbaren Momente der gemeinsam verbrachten Zeit noch einmal zu betrachten und mit anderen zu teilen, bieten eine Chance auf ein Stückchen Unendlichkeit. So wie mein Erlebnis mit Verity nun in Ihnen weiterlebt und vielleicht auch für Sie eine Wirkung entfaltet.

In der letzten Woche gab es eine Zusammenballung von aufrüttelnden Nachrichten in meinem Privatleben: eine gute Freundin, die mich sehr liebevoll in meiner persönlichen Entwicklung unterstützt, ist schwer krank. Ein Geschäftspartner von mir hatte einen Autounfall, niemand verletzt, aber Totalschaden am Auto. Eine Bekannte ist nur um Millisekunden einem tödlichen Fahrradunfall entkommen – das Rad lag zermalmt unter einem LKW, sie, Gott sei Dank, aufgrund einer schnellen Reaktion nicht. Eine andere Bekannte fährt gegen die Zeit aus Ihrem Urlaubsort zurück nach Hause, weil ihr Vater im Sterben liegt.

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Manchmal scheinen Ereignisse, die uns unsere Endlichkeit vor Augen führen, innerhalb einer kurzen Zeitspanne stattzufinden und man fühlt sich überwältigt. So ging es mir in den letzten Tagen, in denen ich das Gefühl hatte, neben mir zu stehen. Reflexartig überlegte ich, was ich aus meinem Leben noch machen möchte. Bin ich noch immer auf dem richtigen Weg? Ich bekam beinah Panikattacken bei dem Gedanken, meinen Liebsten könnte es schlecht gehen und wie anders unser Leben dadurch wäre. Was wäre, wenn …? Die Angstspirale entfaltete ein Eigenleben, Kopf- und Rückenschmerzen verhinderten klares Denken, Lebensfreude konnte ich kaum empfinden.

Und dann erinnerte ich mich an das englische Sprichwort:

„Yesterday is history, tomorrow is a mystery, today is a gift.
That´s why we call it the present“.

Und mir wurde klar: Ich hab nur das Heute, das ich wertschätzen und nutzen kann. Schritt für Schritt, ganz in Ruhe. Panik ist ein schlechter Ratgeber, Angst ebenfalls. Daher: tief Luft holen und das Jetzt spüren. Bewusst überlegen: Was tut mir gut? Es genießen und mir keine Sorgen über Morgen machen. Denn Morgen ist ein Geheimnis, dem ich mich stellen werde, wenn es meine Gegenwart ist. Nur hier habe ich die Möglichkeit, mich voll auf das Leben einzulassen. Und nur hier kann ich mir und anderen das Geschenk meines Lebens machen.

„She lived her life to the fullest“, beschrieb eine Freundin Verity. Und wäre es nicht toll, wenn das auch eines Tages über Sie und mich gesagt würde? „Sie kostete ihr Leben voll aus!“ – „Er genoss sein Leben in vollen Zügen!“ Wenn Sie feststellen, dass Sie etwas daran hindert, ändern Sie es. Genau wie ich!

Move Your Life!

 

Fotos: Beitragsbild Chepko Danil Vitalevich/Shutterstock.com, Mann mit Uhr sharshonm/Shutterstock.com

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