Kennen Sie das? Sie hören ein Lied im Radio und schon sind Sie woanders. Dort … damals … mit … Das Lied löst eine Stimmung aus, die Sie eben noch nicht hatten. „Schatten im Blick, dein Lachen ist gemalt, deine Gedanken sind nicht mehr bei mir …“. Ich liege bei Ute auf dem Bett, tränenumflort, nicht nur Andis Gedanken sind nicht mehr bei mir. 30 Jahre schrumpfen zusammen, Mitgefühl mit dem jungen Mädchen steigt auf und entschlossen komme ich in die Gegenwart zurück.

„Easy Lover“ – hm, schon besser! Die Bowlingkugel rollt, Apfelkorn fließt, im „Athener Grill“ spätnachts noch schnell was essen, die Sprüche werden flotter, wir rücken näher zusammen, Freunde, Bekannte, Fremde. Eine tolle Zeit, zwangloses Flirten, Kameradschaft, Lachen, Boris Becker gewinnt in Wimbledon.

„Que sera, sera, whatever will be, will be …” In Ermangelung von Kinderliedern singe ich meinen Kindern das Lied von Doris Day vor und sie quietschen vor Vergnügen. Ich muss immer lächeln, wenn es mal gespielt wird und ich rieche die milchwarme Babyhaut meiner Jungs.

Haben Sie auch so ein Lied? Oder vielleicht auch mehrere? Das Sie sofort einem bestimmten Ereignis oder einem Gefühl zuordnen können? Manchmal überdauert so ein Lied sogar ein Leben und erzählt uns etwas über den Menschen, dem es etwas bedeutet hat. Am Wochenende waren meine Familie und ich Gast bei „Letzte Lieder“ (Und die Welt steht still), veranstaltet vom Ricam-Hospiz. Es war weder tragisch noch richtig traurig, dennoch sehr emotional, kein Zweifel. Diese Veranstaltung gehört zu den schönsten, die ich je gesehen habe. Die Lebensgeschichte von 22 Menschen wurden verdichtet erzählt und „ihr“ Lied von über 50 Künstlern interpretiert – über alle Genre-Grenzen hinweg. Wundervoll!

Die Aussage einer Sterbenden berührte mich besonders: Sie ließ erzählen, dass sie immer mal nach Skandinavien reisen wollte, es aber nie tat. Jetzt sei sie zu krank dazu und das würde sie sehr, sehr bedauern. Inzwischen verstorben hinterließ sie uns Zuhörern, nichts aufzuschieben, sondern zu handeln und Missstände nicht auszuhalten: „Hassen Sie Ihren Job? Kündigen Sie! Haben Sie Menschen in Ihrem Leben, die Sie gar nicht besuchen wollen? Lassen Sie´s! …“ Zum Ende bat sie den Autor, der alle Lebensgeschichten aufzeichnete, ein Lied aus Skandinavien herauszusuchen, dann würde sich doch noch ein Kreis schließen. Sie kenne keins, daher „Überraschen Sie mich!“ Wenn sie es hören konnte, wird sie von der Auswahl begeistert gewesen sein, genau wie wir alle.

Natürlich regt so ein Abend auch zum Nachdenken über das eigene Leben an: Welche Tonspur würde das eigene Leben zum Ende hin aufzeigen und welches Lied würde ihm am ehesten entsprechen? Wäre ein Schlagzeugsolo mit viel „Wums“ auch für mich passend, wie einer der Sterbenden sein „Letztes Lied“ haben wollte? Bisher kann ich mich nicht festlegen, weil es bereits viele „Momente-Songs“ gibt und bestimmt noch viele neue dazukommen. Momentan würde ich mir eher ein Potpourri wünschen.

Der Veranstaltung wohnte letztendlich die wunderbare Botschaft inne daran zu denken, wie schön das Leben ist. Dass wir nicht vergessen sollen zu leben, zu lieben, zu lachen, zu weinen und ganz bei sich zu sein. Als ich Kind war, sagte einmal jemand zu mir, der Tod sei nichts Schlimmes, niemand, der uns „am Ende einkassieren wolle“. Er sei die Ewigkeit und die Erinnerung daran, dass schöne Momente voller Freude gelebt – und nicht aufgeschoben werden wollen – und die schlechten Stunden in seinem Angesicht nur kurz sind. Ist das nicht eine schöne Sichtweise?

In Anbetracht meines Alters nimmt die Intensität der einzelnen Stunden zu, einfach deswegen, weil die Möglichkeit des Sterbens unausweichlicher wird. Ich bemerke daher manchmal eine größere Kompromisslosigkeit mit Dingen, die ich nicht (mehr) in meinem Leben haben möchte. Aber auch eine größere Freude als früher an schönen Dingen, wie Momente, Stunden mit geliebten Menschen. Die Schwerpunkte verlagern sich von Quantität zu Qualität, ich selbst bin mir wichtiger als früher und achte mehr auf das, was mir gut tut. Die Balance zwischen dem, was andere von mir erwarten und dem, was ich geben möchte, gelingt mir zunehmend besser und ich bin mir bewusst, dass der einzige Mensch in meinem Leben, der von der ersten bis zur letzten Sekunde darin vorkommt, ich selbst bin.

Würde ich heute gefragt, welcher Lebenssong mir entspräche würde ich mit einem Augenzwinkern wählen „Simply the best“ von Tina Turner und mich fröhlich im Spiegel ansingen. Nicht weil ich „better than all the rest“, sondern wirklich stolz auf mich bin, wie ich versuche, dem Leben Gutes abzugewinnen und nicht in negativen Gedanken unterzugehen. 🙂

Was wäre Ihr Song? Und warum? Oder wollen Sie vielleicht selbst einen komponieren? Möchten Sie die „Paukenschlagsinfonie“ hören? Den „Bolero“? „Lady in Red“ oder entspricht „La Boum“ Ihnen am meisten? Sind Sie jetzt ganz „Atemlos“ vom Nachdenken??

Haben Sie ein schönes Wochenende voller Musik, inspirierender Gedanken und Freude bei der Komposition Ihres Lebens.

Move Your Life!

 

 

Foto: Wasant/Shutterstock.com

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