Glatze rasiert

Am letzten Wochenende hatten wir in der Familie kein anderes Gesprächsthema als die Haare unseres Sohnes Yannik oder besser gesagt, deren ungeplante Abwesenheit … Nach einigen niederfrequenten Emotionen hatten wir dann tolle Gespräche und viele neue Einsichten 😉

 

Yannik:

Letzte Woche Freitag wollte ich zu meinem Friseur. Es gab keinen Termin, der passte. Da ich meine Haare unbedingt schneiden lassen wollte, ging ich woanders hin.

Mein eigentlicher Friseur ist super und so bin ich mit dem Glauben, dass jeder so toll schneiden kann, zu einem Laden in der Nähe marschiert. Ich bin da rein und wurde direkt angenommen. Dem Friseur erklärte ich, was für einen Schnitt ich haben wollte und er bestätigte.

Ich sehe, wie er den Rasierer nimmt, an einer Seite ansetzt und „sirrrrrrrrr“, maximal 2 mm sind übrig. Ich schlage seine Hand weg und rufe: „Wow, chill mal“. Zu spät. Als ich realisiere, dass er meine Frisur bereits verschnitten hat, lass ich ihn zu Ende schneiden.

Ich war total demontiert und hätte meine Haare selber besser schneiden können. Es tat in meinen Augen weh, ihm zuzusehen. Das war wirklich unter aller Sau.

Ich habe den Laden sofort nach dem Schnitt verlassen und wollte nur nach Hause und eine Mütze aufsetzen. Die Leute auf der Straße guckten mich komisch an, und ich fühlte mich so unwohl. Abends bin ich mit meinen Jungs noch in eine Shisha-Bar gegangen. Ich zeigte ihnen natürlich, was der Friseur mit mir gemacht hatte – komische Blicke und Lacher. Verständlich, es sah wirklich seltsam aus und ich fühlte mich fremd. Mein Selbstbewusstsein wurde mit jeder Strähne mit abgeschnitten.

Als ich später im Bett lag wurde mir klar, dass ich so nicht rumlaufe, dann lieber eine Glatze. Es ist dann doch keine geworden. Ich habe ein bisschen was übrig gelassen – rundherum 2 mm. Der erste Schnitt hat eine Menge Kraft gefordert, aber mit der Zeit hat es Spaß gemacht, meine Haare abzuschneiden. Es hat sich angefühlt, als würde ich mit jedem Schnitt an Frust verlieren und mein Selbstvertrauen zurückgewinnen.

Es ist nicht die schönste Frisur, aber ich fühle mich wieder wohl in meinem Körper. Meine Eltern und mein Bruder reagierten offen auf den neuen Schnitt. „Man muss sich erstmal dran gewöhnen“, meinte mein Papa. „Das gilt nicht nur für ihn“, denk ich mir. Ich trage momentan oft eine Mütze, weil mir verdammt nochmal kalt da oben ist und ich mich dann nicht so nackend fühle.

Die Reaktionen auf meinen neuen Haarschnitt waren unterschiedlich: Ein paar meiner Jungs fanden die Frisur cool, meinten, es stünde mir sogar. Ich wurde hier und da auch verspottet, aber das war alles Spaß. Ich konnte sogar mitlachen.

Ein paar Mädchen gefalle ich, andere vermissen meine „langen“ Haare. Sie sind nicht alleine. 😉 Aber ich fühle mich in meinem Körper wohl und es ist mir egal, wie andere darüber denken. Anfangs fühlte ich mich entstellt, aber jetzt ist es ok.

Mein Kopf scheint irgendwie mehr Luft zum Denken zu kriegen. Das Duschen geht super schnell, ich kann morgens länger im Bett bleiben und mein Kopf auf dem Kissen fühlt sich anders und cool an. Sehr direkt. Wie auch überhaupt die Beinah-Glatze eine sehr direkte Ansage ist. Die Leute gucken mich anders an und ich mich auch. Es hat einiges verändert.

 

Als ich letzten Freitag Yanniks Stimme am Telefon hörte, hatte ich sofort ein schlechtes Gefühl. Jede Coolness war verschwunden, sein Entsetzen greifbar: Der Friseur hatte sein Haar komplett verschnitten, eine Glatze schien die bessere Alternative zu sein.

Ich wusste genau, wie es ihm ging. Nach Friseurbesuchen waren meine Haare unplanmäßig orange, weißblond, schwarz, superwahnsinnskupferrot, zu kurz, zu schief, ich bekam einen Pony, den ich nicht wollte, eine Dauerwelle, die bei meinen Naturlocken völliger Blödsinn war, sie wurden durch Chemie und Locken(!)stab verbrannt  … und über meine eigenen Haarexperimente legen wir besser einen dicken, flauschigen Mantel des Schweigens 😉 Ich dachte, ich wäre die überlebende Heldin aller möglichen Frisurverunglimpfungen.

… bis Yannik nach Hause kam. Von vorn war er gut anzusehen, aber die Seiten waren beinah kahl und hinten hatte der Mann, der die Haare (ver)schnitt – das war kein Friseur! – wellenartige Terrassen komponiert. Furchtbar. Noch furchtbarer war allerdings das Entsetzen in Yanniks Augen. Er sagte den magischen Mutterglücklichmachsatz: „Es ist genauso gekommen, wie du es gesagt hast“, aber ich konnte mich nicht darüber freuen. Er tat mir echt leid. Er wollte gleich eine Glatze schneiden. Ich überredete ihn, eine Nacht darüber zu schlafen, vielleicht am nächsten Tag eine Rettungsaktion zu starten.

Am nächsten Tag war klar, die Haare sollten alle weg – noch vor dem Frühstück. Gesagt, getan. Yanniks Stimmung stieg mit fortdauerndem Brummen des Rasierers. Nicht, weil er sich so über seine seine neuen Frisur freute, sondern weil er handelte – und sich so aus der Misshandlungssituation retten konnte. Mich bewegte es sehr, das so zu beobachten. Er war quasi „Move Your Life“ in Aktion geworden.

Die Familie reagierte geschlossen mutmachend mit „Geht doch.“, „Ja, sieht viel besser aus.“, „Jetzt kannst du noch mal ganz von vorn anfangen. Jede Frisur ist jetzt möglich.“, aber auch nicht ganz ohne Ironie „Nun beginnt ein neuer Lebens-Abschnitt für dich.“

Beim Frühstück erzählten mein Mann und ich unseren Jungs von unseren „haarigen“ Erlebnissen der Vergangenheit, suchten nach Fotos und bald gab es angeregte Diskussionen über alle möglichen Styles und damit verbundene Geschichten und Jahrzehnte. Auch wenn wir alle Yanniks Friseurbesuch am liebsten rückgängig gemacht hätten, war es doch genau dieser, der das tolle Familiengespräch ermöglichte.

Ich bin stolz auf Yannik, wie cool er das Ganze gemeistert hat. Mein Eindruck ist, er ist über Nacht erwachsener geworden – nicht nur optisch. Die Konsequenzen seines impulsiven Handelns lagen ja auch klar auf der Hand – oder eher: auf dem Boden. Aber er jammerte nicht lange herum, sondern machte das Beste daraus. Das nötigt mir Respekt ab.

Ich bin auch stolz auf den Rest der Familie, kein „Ich hab´s dir ja gleich gesagt“ oder „Das hast du nun davon“ oder „Wie kann man nur?“ musste sich Yannik anhören. Wozu auch? Es hätte nichts geändert und ihm nur ein noch blöderes Gefühl vermittelt. Stattdessen genießen wir alle das Drüberwuscheln über kurzgeschorenes Haar und damit ein neues Familienzusammengehörigkeitsgefühl … aber auch das sichtbar neu wachsende Haar.

Move Your Life!

 

Foto: Shutterstock.com/Pavel L. Photo und Video

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