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Oh, mein Gott! Entsetzt starre ich auf die Anzeige auf meinem Bildschirm: Noch drei falsche Passworteingaben und mein USB-Stick löscht alle darauf befindlichen Daten und sperrt sich selbst. Ich versuche mich zu konzentrieren. Gebe extrem langsam und sehr bewusst das wahrscheinlichste Passwort ein.

Noch zwei Versuche.

Oh, NEIN! Da ist ein Film drauf, als die Jungs noch in der Grundschule waren. Ich überlege. Denke nach. Mache mir Notizen. Stelle die Kombinationen um. Versuche, mich zu erinnern, wann ich den Stick eingerichtet habe. Welches Passwort war damals am Wahrscheinlichsten? Ich streiche aus, kringle ein. Das hier könnte es sein.

Nein. Noch ein letzter Versuch ist möglich.

Ich kann nicht mehr klar denken. Was soll ich denn bloß machen?? Es fällt mir keine realistische Möglichkeit mehr ein. Soll ich es morgen nochmal versuchen? Aber was, wenn dann der ganze Stick gesperrt ist?

Louise HayIch überlege, was alles auf dem Stick ist. Da ist dieser Film als die Jungs eine Aufführung in der Schulaula hatten. Karim steht in der Mitte des Geschehens, kreideweiß, so angespannt. Mein Herz floss über vor lauter Liebe als ich ihn dort stehen sah. So konzentriert und bemüht, nichts falsch zu machen. Ohne jede innere Begeisterung machte er mit, bloß nicht aus dem Takt kommen, bloß nicht den Einsatz verpassen. Seine Brille verstärkte den ernsthaften Gesichtsausdruck. Und, du meine Güte, er ist so dünn da oben.

Yannik macht einen ganz anderen Eindruck. Er steht am rechten Rand der Tribüne, auch konzentriert, aber irgendwie deutlich entspannter als Karim. Er klatscht wie alle anderen zum Lied, nicht immer im richtigen Rhythmus, geht aber voll mit. Er lächelt ins Publikum. Die Brille lässt ihn würdevoller aussehen als es seinem verschmitzten Wesen entspricht. Mein Herz floss über vor lauter Liebe, als ich ihn dort stehen sah.

Am liebsten hätte ich meine Jungs von der Bühne runtergeknutscht, sie gedrückt und ihnen begeistert gesagt, wie toll sie das machten und wie glücklich ich war, sie zu haben und wie sehr ich sie liebte. Sowas Ähnliches hab ich ganz bestimmt gemacht, allerdings natürlich erst NACH der Veranstaltung. 😊 Sie haben sich übrigens nie über meine öffentlichen Kuschelattacken beschwert. Sind sie nicht einfach großartig??

Mir fällt gerade ein Taek Won Do-Kampf ein, den sie im Rahmen eines neuen, zu erreichenden Gürtels austragen mussten. Beide hassen Gewalt, stürzten sich aber wacker ins Getümmel mit den kampferprobten Gegnern. Ich war beeindruckt, wie sie sich zur Wehr setzten und nicht gleich klein beigaben. Auch wenn sie ihre Kämpfe verloren, waren sie für meinen Mann und mich die größten. Ach, Gott, waren diese Filme etwa auch auf dem Stick?

Ganz sicher befinden sich Briefe aus der Kindergarten- und Grundschulzeit darauf. Z.B, als ich der Leiterin der Kita schreiben musste, dass ich mir verbitte zu unterstellen, dass ich das kranke Auge von Yannik nicht untersuchen ließe, um ein Krankheitsattest zu vermeiden. Wollte ich nicht unbedingt erreichen, dass die Jungs auf Kitareise gingen, damit mein Mann und ich unsere Ruhe hätten??? Die Sache eskalierte damals bis zum Jugendstadtrat, weil noch weitere Unverschämtheiten im Raum standen. Ich fühlte mich schwer getroffen und ausgeliefert und wollte das keinesfalls akzeptieren.

Weitere Dokumente ähnlicher Art sind ganz sicher auf dem Stick, auch ein paar Fotos und Briefe. Ich bin echt verzweifelt. Wenn ich jetzt Mist baue, ist alles weg. Auch das, woran ich mich gerade nicht erinnere. Da war doch noch mehr. Oh, nein.

Ich starre vor mich hin. Und dann schleicht sich – ganz, ganz langsam – ein Gedanke in mein Bewusstsein. Kaum zu fassen erst, dann immer klarer:

Es ist doch gar nichts weg. Wie hätte ich die schönen Momente oben sonst schildern können? Sie stehen vor meinem inneren Auge, als wären sie gestern gewesen. Das Gefühl überfließender Liebe könnte beim Betrachten der kleinen Filme nicht stärker sein als in meiner Erinnerung. Wie oft würde ich sie mir in der Zukunft noch ansehen? Ich kann sie meinen Jungs nun nicht mehr zeigen, aber ich kann ihnen mit leuchtenden Augen von ihren Auftritten erzählen und warum sie mir so wichtig waren. Ist das nicht sogar noch schöner, wenn sie meine Freude sehen?

Die blöden Schreiben von früher will ich eigentlich auch nicht mehr lesen. Wozu auch? Um mich darüber zu ärgern? Das hab ich damals mehr als genug getan. Aber es ist ja nun vorbei und bei einer neuen Ärger-Situation muss ich auch neu entscheiden, was ich tue. Die alten Dokumente helfen da nicht.

Delete„Ärgerlich, dass ich mir das Passwort nicht aufgeschrieben habe“, denke ich. Ja, das ist es. Das neue schreibe ich mir gleich in meine Passwortliste. Wenigstens will ich es in Zukunft besser machen.

Und was ist mit all den schönen Dingen, die vielleicht auch auf dem Stick sind? Die sind jetzt auch verloren. Ja, sind sie, aber offensichtlich hatten sie keine große Bedeutung für mich, sonst würde ich mich erinnern. Alles, was wirklich wichtig ist, ist in meinem Herzen. Den Rest kann man auch loslassen.

Ich atme einmal tief durch und klicke auf „Neues Passwort“. Ein Pop-up-Fenster sagt, dass meine auf dem Stick gespeicherten Daten nun unwiderruflich gelöscht werden. „Dann ist es eben so“, denke ich und bestätige.

Ich vertraue darauf, dass alles Wichtige mir immer präsent ist. Alles andere geht und macht Platz für Neues.

Move Your Life!

 

Foto: osmanpek33/Shutterstock.com

5 Kommentare
  1. Astrid Braband
    Astrid Braband sagte:

    Liebe Manuela,
    ich habe vor einigen Wochen meine sämtlichen Daten verloren, die sich auf meiner Festplatte befanden. Da ich es mit der Sicherung schleifen ließ, ist alles verloren, was ich seit vielen Jahren gespeichert hatte. Dokumente, Fotos, Familienvideos, einfach alles. Das Entsetzen war anfangs groß, ich war ziemlich verzweifelt. Der erste Gedanke war: „Oh je, mein halbes Leben war dort drauf.“ Und dann fiel mir dein Beitrag „Neues Passwort“ vom 27. September 2017 ein. Ich las ihn nochmal in Ruhe durch. Er hat mir sehr geholfen, mit dieser Situation umzugehen. Nein, mein halbes Leben war nicht auf der Festplatte, sondern in meinem Herzen und in meinen Erinnerungen. Und dort sind sie sogar sicherer als auf jedem Speichermedium. Sie sind immer abrufbar und niemand kann sie löschen. Und die Dinge, an die ich mich nicht mehr erinnere, sind eben weg……..es ist, wie es ist!
    Ich danke dir!

  2. Manuela Luther
    Manuela Luther sagte:

    Liebe Astrid, zunächst tut mir dein Verlust unendlich leid! Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie schwer er wiegt und ich fühle mit dir. Du hast natürlich recht, es bleiben die Erinnerungen übrig, die wichtig sind. Von allen anderen dachte man nur, sie seien es. Ich finde es großartig, wie du mit dem Verlust der Daten umgehst und freue mich für deine Balance. Und ich freue mich sehr über deine Nachricht!! Du hast so liebevoll geschrieben und es ist mir eine sehr große Freude, dass ich dir indirekt durch meine Erfahrung helfen konnte. Du hast mich auch daran erinnert, dass man nie wissen kann, ob und wie man jemandem helfen kann. Die Samen, die wir säen, blühen vielleicht zu einer anderen Zeit als wir dachten. Ich danke dir sehr für alles und schicke dir eine sehr herzliche Umarmung. Alles Liebe!

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