David Bowie ist tot. Diese Nachricht rief in meinem Freundeskreis große Bestürzung hervor. Die Medien, die letzte Woche noch sein neues Album feierten, schreiben nun Nachrufe. Ich war überrascht und auch ein wenig traurig, aber es zog mir nicht den Boden unter den Füßen weg. Vielleicht weil er für mich schon immer irgendwie „überirdisch“ war und daher auch nicht wirklich weg sein kann – aber auch, weil ich ihn in den letzten Jahren aus den Augen verloren hatte.

Einige Lieder mochte ich sehr. „If you´ll run, I´ll run with you. And if you hide, we´ll hide“ … Diese Zeile aus „Let´s dance“ liebe ich noch immer und Text, Stimme und Musik lassen in mir sofort das absolute Ideal der ersten Liebe aufsteigen, das irgendwie trotz vernünftiger Erwachsenengedanken immer noch ein bisschen da ist.

Erinnern Sie sich an „Space Oddity“? „Ground Control to Major Tom…“ – vermutlich summen Sie gerade mit. Bei der Veranstaltung „Letzte Lieder“ hörten meine Familie und ich diesen Song aufregend neu interpretiert als letzten Wunsch eines Sterbenden (… mehr in meinem Blogbeitrag vom 27.11.2015). Der Stimmung dieses Liedes kann man sich schwer entziehen. Wir hören es seitdem wieder oft.

+ Musikerlegende +++ Stilikone +++ ultimativer Rockstar +++ Chamäleon +

Kein Superlativ scheint zu groß für ihn. Ich las einmal in einem Interview, dass Bowie sagte, die Bezeichnung Chamäleon träfe auf ihn eigentlich nicht zu, weil sich dieses Tier an die Umgebung anpasse, aber für ihn gelte eher das Gegenteil. Dieser Satz war unglaublich aufregend für mich, ich hörte ihn zu einem Zeitpunkt, da mir das Urteil anderer wichtiger schien als mein eigenes über mich. Ich verbog mich, um meinen Eltern, ihren Freunden, Lehrern und anderen, die die Welt zu kennen schienen, zu gefallen und es ihnen recht zu machen. „Das macht man nicht!“, „So kannst du nicht herumlaufen!“, „Du benimmst dich wie eine …!“, „Lerne was Vernünftiges!“, „Werd du erstmal erwachsen!“, „Sitz gerade!“, „Iss nicht so viel!“, das alles schien mir zu sagen, dass ich eher „falsch“ und die anderen „richtig“ seien. Ich fühlte mich unsicher, bestimmt nicht wie Bowie, auch nicht als Chamäleon, eher wie ein kleines Hundchen an einer zu kurzen Leine.

Daher faszinierte mich seine unangepasste Art, seine Bereitschaft, sich immer wieder neu zu erfinden, etwas radikal zu beenden. Seine Figur „Ziggy Stardust“ ließ er während eines Konzerts einfach sterben, obwohl sie ihn doch so berühmt gemacht hatte. In meiner Umgebung machten alle immer das Gleiche – wer wechselte schon jemals seinen Beruf, gar die sexuelle Orientierung?? Bei Bowie hingegen immer wieder Mut zur Veränderung und steter Wechsel: Berufliche Anerkennung, Flops, kommerzieller Erfolg, Häme, Provokation, Pleite, Drogen, Entzug, seine Äußerung, er sei bisexuell, ständige Berufsumorientierung, es schien ihm nichts auszumachen. Ich sah ihn im Film „Schöner Gigolo, armer Gigolo“ und war hin- und weg. An die Handlung erinnere ich mich nicht, aber an ihn. Ein scharfgeschnittenes Gesicht, dennoch weiche, mädchenhafte Verletzbarkeit, nicht festzulegen – extrem lebendig, ein gefühlter Aufruf an mich, nicht langweilig und ungefragt alles anzunehmen.

Im Fernsehen lief eine Dokumentation über ihn und seine Zeit in Berlin – er lebte zwei Jahre hier, es soll seine musikalisch beste Zeit gewesen sein, kam hier von den Drogen runter … ER lebte in MEINER Stadt – ich war begeistert, fühlte quasi eine persönliche Verbindung. Seine Unterstützung für den Film, „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, DAS Buch meiner Jugend!

In der Zeitung stand immer Außergewöhnliches: David Bowie übernahm nach der Scheidung das alleinige Sorgerecht für seinen Sohn, arbeitete mit vielen unterschiedlichen Künstlern in unterschiedlichen Genres, Heirat mit dem somalischen Model Iman, wunderschön und farbig, wird noch mal Vater, macht ein Vermögen mit „Bowie-Bonds“ … David Bowie schien alles auszuprobieren.

Schleichend und für lange Zeit verschwand Bowie aus meiner Wahrnehmung. Im Prequel zu „Twin Peaks“  ein unerwartetes, freudiges Wiedersehen. Dann vor einigen Jahren ein neues Album: „Where are we now“, mit vielen Bezügen zu Berlin. Ein Kollege empfahl mir den alten Song „Thursday´s Child“. Kennen Sie das Video dazu? Bitte ansehen, wenn Sie wissen wollen, was mich begeistert – Sie werden es hören und vor allem sehen.

Nun ist David Bowie tot. Er hatte ein reiches Leben mit Aufs und Abs, die er sich erlaubt hat auszuleben. Er musste lange an seinem Erfolg arbeiten, gab nicht auf, versuchte es immer wieder, war anders, ruhte sich nicht auf seinen Lorbeeren aus. Er lebte ein Leben in Fülle. Dafür bewundere ich ihn. Auch dafür, dass niemand etwas von seiner Krankheit wusste und er einfach von dieser Welt verschwunden ist. Seine Beerdigung hat bereits stattgefunden, die Öffentlichkeit war nicht dabei, noch nicht mal seine Familie. Sein Wunsch: Alle sollen sich an sein Leben erinnern, nicht an seine Beerdigung.

David Bowie ist für mich ein Vorbild. Er hat sein Leben gelebt, wie es sich richtig für ihn anfühlte und nicht so, wie andere es von ihm erwarteten. Wenn wir unser Leben ganz auskosten wollen, wenn es UNSER Leben sein soll, müssen wir bereit sein für Veränderung – so wie er. Auch wenn wir nicht wissen, was passieren wird, wenn wir Angst haben oder unsicher sind.

Vielleicht sind wir nur Helden für einen Tag. Aber wenn wir nicht unsere Grenzen überwinden, werden wir nie erfahren, welch schöne Welt dahinter auf uns wartet.

Move Your Life!

 

Foto:Lenscap Photography/shutterstock.com

 

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