… würden Sie lieber einen französischen Flüchtling aufnehmen als einen syrischen? Und dürfte Ihrer Ansicht nach ein Moslem, der in seinem Heimatland als Minderheit behandelt wird, hier dauerhaft bleiben? Oder wäre Ihnen ein Christ angenehmer? Wenn jemand Hunger leidet in seinem Heimatland, darf er dann zu uns kommen?

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie diese Fragen lesen. Finden Sie Antworten dafür? Haben Sie widerstreitende Gefühle? Sind Sie es vielleicht auch einfach Leid, damit konfrontiert zu werden? Ich verstehe Sie, denn ich kann mir vorstellen, wir empfinden ähnlich.

Im Rahmen einer Befragung von Infratest wurden mir diese und weitere Fragen gestellt. Natürlich durchschaue ich als halbwegs gebildeter Mensch, dass ich nach Hinweisen auf verdeckten Rassismus geprüft werde. Vielleicht ist mir der kulturell nähere Franzose, mit dem „iesch ein paaarrr Ssulworte franssösiesch“ parlieren kann, ja als künftiger Nachbar lieber als der mit abendländischen Vorbehalten beladene Syrer, der nichts sagt?

Leider, so glaube ich, wird uns die prozentuale Auswertung der Befragung, die eines Tages vorgestellt werden wird, keinen Einblick gewähren in wirklich wichtige Fragen:

  • Wie quantifiziert man Menschlichkeit?
  • Wie können wir unsere Angst überwinden, dass „die Flüchtlinge“ uns etwas wegnehmen?
  • Wie werden Ängste nicht einfach weggeschoben („Wir schaffen das!“), sondern ernst genommen? So ernst genommen, dass Parteien wie die AFD nicht verstörend hohen Zulauf bekommen? (Wenn Sie Zeit und Lust haben, lesen Sie doch mal folgenden Artikel: https://blog.campact.de/2016/03/steuern-bildung-hartz-iv-was-die-afd-wirklich-will/ Da kann einen das nackte Grauen überfallen!)

In dieser Woche hatten wir Besuch von einem alten Freund, Hussein, den wir lange nicht gesehen haben. Seine Geschichte, wie er zu uns geflüchtet ist, so, wie man es sonst nur in der Tagesschau sieht – mit Schlauchboot mehrere Tage auf dem Meer, endlose Busfahrten über viele Länder, keine geregelte Nahrungsaufnahme, kaum Halt für die Notdurft, natürlich keine Dusche, Ankunft in Deutschland, Verteilung, Warten, Umverteilung, Warten, arbeiten wollen, nicht können, Erlaubnisse abwarten, Freundlichkeit von Menschen, Ablehnung von anderen Menschen, warten auf … – fesselte die ganze Familie.

Wir hingen förmlich an seinen Lippen als er uns von einem Mädchen erzählte, das er kennengelernt hat. Deren Flucht noch bedeutend atemberaubender war als seine. Mit 20! Beide wollen zusammen sein, die Familien hingegen wollen es nicht. Andere Absprachen trafen die Eltern des Mädchens, religiöse Vorbehalte der Eltern Husseins verhindern ebenfalls ein wohlwollendes Entgegenkommen.

An unserem Abendbrottisch machte sich eine lebhafte Diskussion breit. Ach, wie unmenschlich, die Kultur, die Religion … Es ist einfach, sich zu ereifern, wie schlimm die Verhältnisse woanders sind und wie rückständig, gar hinterwäldlerisch. Aber wissen Sie, so weit muss man manchmal gar nicht gucken: Meine Familie war auch nicht extrem begeistert von der Wahl meines Ehemannes. Übrigens auch nicht von der der Schwiegertochter. Wären wir noch mehr Kinder gewesen, weiß ich nicht, ob überhaupt jemand für gut befunden worden wäre. Meine Mutter rief einen Tag vor meiner Hochzeit meine beste Freundin an, damit sie mich doch noch zur Vernunft brächte. Und am Hochzeitstag setzte sie sich protestierend mit dem Rücken zu den Gästen. Unsere Hochzeitsfotos machen mich heute noch traurig. Auch ihretwegen, weil sie sich so von allem Positiven abgeschnitten hatte.

Meine Eltern waren keine Flüchtlinge, keine Hinterwäldler, keine schlimmen Menschen. Sie lebten in ihrer eigenen Welt, in ihren Vorstellungen, in ihren Vorurteilen. Sie lehnten ab, was nicht ihren definierten Vorstellungen entsprach oder was sie nicht kannten. Das tun übrigens die meisten Menschen. Heute sehe ich ihre Angst dahinter, damals spürte ich nur ihre Ablehnung.

Ich bin mir sicher, Sie haben Ähnliches erlebt. Vielleicht nicht mit Ihren Eltern, aber möglicherweise mit Ihren Nachbarn oder Kollegen oder als Sie irgendwo im Urlaub waren und man Sie spüren ließ, dass Sie Fremde waren.

Leider habe ich keine Patentlösung für die Flüchtlingskrise. Ich durchschaue auch nicht alle politischen Interessen und kann Ihnen auch kein Finanzierungsmodell der Humanität aufzeigen, das uns alle nichts kostet.

Es kostet uns aber auch nichts, unserem Gegenüber zuzuhören, Verständnis zu entwickeln und nach dem Gemeinsamen zu suchen und nicht nach dem, was uns trennt. Es vergrößert unsere eigene Welt, weil wir uns miteinander verbinden. Unsere Welt ist sehr klein, wenn wir uns nur auf uns selbst reduzieren.

Ich glaube daran, dass jeder von uns einen Beitrag leisten kann zur Heilung der Welt. Die derzeitige politische Lage ist für mich ein laut blinkendes Signal Menschlichkeit zu zeigen. Nicht nur gegenüber fremden Nationen, sondern jedem einzelnen Menschen gegenüber, dem wir begegnen.

Wir haben es vielleicht nicht unmittelbar in der Hand einen Krieg zu beenden, aber wir müssen auch nicht der Ausgangspunkt sein für einen neuen. Es genügt oft, sich darauf zu besinnen, dass unser Gegenüber ebenfalls wie wir auf der Suche ist nach Frieden, Anerkennung – und Liebe.

Move Your Life!

 

Foto: BlueSkyImage/Shutterstock.com

2 Kommentare
  1. Andreas Thiele
    Andreas Thiele sagte:

    Liebe Manuela,
    das gefällt mir. Das regt zum Denken an.
    Liebe Grüße von Andreas

  2. Manuela Luther
    Manuela Luther sagte:

    Lieber Andreas, vielen Dank, ich freu mich! Liebe Grüße an dich und die Familie

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