Am 3. Januar postete Dieter Puhl, Leiter der Berliner Bahnhofsmission Zoologischer Garten, auf Facebook einen Artikel mit der oben genannten Überschrift. Ich weiß, dass einige meiner Leser nicht auf Facebook sind, und ich möchte, dass Sie alle die Chance haben ihn dennoch zu lesen:

„Lädst Du jemanden auf einen Kaffee ein, sitzt er immerhin eine halbe Stunde im Warmen. Achte auf wirklich hilflose Menschen, sprich sie an – rufe bei Gefährdungen den Rettungsdienst oder die Polizei.

Ab 21.00 hilft der Kältebus Berlin der Berliner Stadtmission: 0178/5235838 bei hilflosen Obdachlosen, die ihren Weg nicht mehr allein schaffen (und die Hilfe auch wollen). Es fehlen Schlafsäcke: diese kannst Du immer in der Bahnhofsmission Berlin Zoologischer Garten, Jebenstr.5, abgeben.

Aktuell fehlen auch warme Herrenjacken, Strümpfe, Mützen und Handschuhe – aber nur die! Geld rettet nicht die Welt, hilft manchmal aber im Einzelfall. Alle Einrichtungen sind unterfinanziert.

Mache allen politischen Entscheidungsträgern ruhig etwas Feuer unter den Hintern – die derzeitigen Umstände haben viel mit verfehlter Politik seit 15 Jahren zu tun, ansonsten hätten wir diese unerträglichen Umstände nicht; denn es ist sicher, es wird noch gefährlichere Temperaturen geben, unklar ist nur, wann diese eintreten. Vielen Dank für Hilfen und Empathie!!!“

Wie Sie wissen, unterstütze ich die Berliner Bahnhofsmission ehrenamtlich. Schon seit frühen Kindheitstagen war es mir unerträglich, Menschen in Lumpen gehüllt oder unter Zeitungen liegend irgendwo hingekrümmt schlafen zu sehen, immer in Angst, dass sie bestohlen oder misshandelt werden. Kann man da jemals zur Ruhe kommen?

Wie jeder Mensch aus seiner eigenen Vorstellungswelt heraus denkt und handelt, war es für mich von jeher unvorstellbar, auf kaltem, unbequemem Stein schlafen zu müssen. Vielleicht sogar noch Unwettern ausgesetzt. Für mich ist eines der schönsten Vergnügen ein kurzer, erholsamer Nachmittagsschlaf und dann am Abend das Einsinken in mein wundervoll bequemes Bett. Das Schlimmste, das mich bisher aus dem Schlaf gerissen hat, war das Schreien meiner damals kleinen Kinder. Und auch wenn das manchmal durchaus bedrohliche Formen annehmen konnte, war ich niemals in Gefahr, verlor nur meine Träume und Schlaf – nie meinen Besitz oder das Leben. Mein Mitgefühl ist daher immer präsent, wenn ich Menschen, von Müllsäcken kaum zu unterscheiden, irgendwo liegen sehe.

Wenn ich den Erzählungen von Dieter Puhl zuhöre oder andere Gespräche in der Bahnhofsmission führe, erkenne ich auch: So weit weg von mir sind DIE Obdachlosen gar nicht. Dass es mir gut geht, liegt an vielen Dingen, an einem Elternhaus, das eine Richtung vorgab, an Talenten, Wissen und Fähigkeiten. Ich habe sicher auch viele gute Entscheidungen in meinem Leben getroffen, die mich dahin brachten, wo ich jetzt bin, ich habe viele tolle Menschen getroffen und meine Herzensmenschen begleiten und unterstützen mich kontinuierlich, ich hab mir eine eigene Familie gewünscht und darf ein schönes Familienleben führen – und dennoch:

Es liegt auch an den „Umständen“, dass ich mich in ein kuschliges Bett legen darf. Ich bin nicht arbeitslos und ohne Chance auf Neubeschäftigung geblieben. Meine Fähigkeiten wurden immer anerkannt. Ich wurde nicht von meinem Mann auf die Straße gesetzt, bin nicht wirtschaftlich mittellos und schäme mich nicht, um Hilfe zu bitten. Ich bin nicht auf einer Abwärtsspirale nach unten, deren einzige Konstante der tägliche Alkoholmissbrauch ist. In der Trunkenheit lasse ich mich nicht mit merkwürdigen Menschen ein, denen ich erlaube, mich immer weiter in den Abgrund zu ziehen, weil ich Anwesenheit mit Nähe verwechsle. Ich muss nicht aufgrund eines Bürgerkriegs mein Land verlassen und in ein anderes flüchten.

Aber sieht man die Nachrichten mit kritischen Augen, kann man sich Sorgen machen. Kommt das auch auf uns zu? Rotten sich auch in anderen Städten Männerhorden zusammen und werden übergriffig? Werden wir verarmen? Werden die Politiker immer korrupter, sind nur an ihrem eigenen Machterhalt interessiert und nicht an den Menschen, die sie vertreten? Dann wird deutlich, dass sich unsere Situation spontan verändern kann und Sie und ich vielleicht doch mal auf Steinen schlafen müssen … Hier nicht in der Seele zu verhärten, ist an manchen Tagen eine Kunst. Der Angst nicht die Fühung im Leben zu überlassen und zu verbittern ebenso. Für mich ist eine gute Herangehensweise, sich an all das Gute im eigenen Leben zu erinnern, dankbar dafür zu sein und darauf zu vertrauen, dass sich weiterhin alles zum Guten fügt. Wenn ich zu verzagen beginne, schreibe ich täglich all die positiven Dinge meines Tages in ein Dankbarkeitstagebuch – angefangen von den freundlichen Worten meines Mitsportlers auf dem Laufband, der warmen Dusche zum offiziellen Beginn des Tages – der Kälteguss danach ist freiwillige Abhärtung und nicht aufgezwungene Realität – ich bin dankbar für die gepflegte Kleidung, die ich mir leisten kann, das Frühstück … und dafür, dass ich am Abend wieder in mein komfortables Bett sinken und verschont von akuter Bedrohung schlafen kann.

Ich will Ihnen keine Angst machen und mit diesem Motiv an Ihre Spendenfreudigkeit appellieren – wenn Sie dennoch etwas geben wollen, ist das toll!! 😉 Ich möchte Sie eher auf die Brücke einladen, die ich mir selbst immer baue, wenn ich ein Bündel dreckigen Menschleins auf dem Boden liegen sehe – und bei uns im Wedding liegen viele Menschenbündel herum! Manchmal weiß ich auch nicht, was ich machen soll. Ansprechen? Ignorieren? Geld auf eine Decke werfen und weitereilen? Mir hat der kleine Leitfaden von Dieter Puhl auf Facebook daher so gut getan. Ich habe nun praktische Hinweise, was ich tun kann. Ich kann einfach helfen. Von Mensch zu Mensch. Wenn ich einen Obdachlosen zu einem Kaffee einlade, wärmt das seinen Körper und zugleich sein Herz – und meines gleich mit.

Ich freue mich, wenn Sie diese Gedanken in Ihrem Herzen ebenfalls bewegen: Move Your Life

 

Foto: Photographee.eu/shutterstock.com

2 Kommentare
  1. Helmut
    Helmut sagte:

    Liebe Manuela,
    du kannst mir glauben – ich bewege deine Gedanken auch in meinem Herzen. Ich gehöre noch zu der Generation, die in der Nachkriegszeit auf der Flucht vor der roten Armee war und in strrengen Wintern viel gefroren und gehungert habe ohne zu wissen, wie es weiter geht und wo das endet. Beim Anblick der Obdachlosen und der Flüchtlinge ist mir diese Zeit sehr präsent. Wir helfen deshalb auch mit Kleidungs- und Geldspenden. In unserer Wohngegend treffen wir kaum Obdachlose auf der Straße, aber wenn, würden wir auch helfen.
    In der Hoffnung, daß wir die derzeitigen Zustände mental gut verkraften und unsere Freundschaften uns dabei helfen, grüßt dich gang herzlich
    Helmut

  2. Manuela Luther
    Manuela Luther sagte:

    Lieber Helmut,
    hab vielen Dank für deinen Kommentar. In der heutigen Zeit haben viele Menschen meiner Generation – und besonders die der noch jüngeren – keine Vorstellung, wie es sein mag, in unsicheren und bedrohlichen Umständen überleben zu müssen. Ich bin dir daher sehr dankbar, dass du uns an deinen Erfahrungen teilhaben lässt. Und ich vertraue fest darauf, dass die Bereitschaft aufeinanderzuzugehen, offen zu sein, Erfahrungen, Wissen, Essen und Geld in Freundschaft (Liebe) zu teilen – uns alle einen gemeinsamen Weg finden lässt.
    Ganz liebe Grüße,
    Manuela

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