Am letzten Wochenende erfuhren wir vom tragischen Unfalltod einer Bekannten – 44 Jahre alt, verheiratet, Mutter zweier Kinder im Alter von 14 und 16 Jahren. Um ehrlich zu sein, kennt nur mein Mann Valentina* (*Name geändert) persönlich, unseren Kindern und mir ist sie nur aus den Erzählungen meines Mannes vertraut. Dennoch stand sie uns näher als ein gänzlich fremder Mensch. Wir kannten sie von Fotos, aus Posts von Facebook, aus Erlebnissen, die mein Mann mit Freunden von Valentina hatte, mit ihr und ihrer Familie. Sie schien ein sehr angenehmer Mensch gewesen zu sein: warmherzig, liebevoll, ruhig und bescheiden, eher im Hintergrund als selbst ein Star. Die Fotos, die ich von ihr kenne, zeigen eine Frau, die leise lächelnd, ein wenig fragend, in die Kamera schaut.

Wie bei jedem Unglück stellen sich sofort Fragen nach dem „Warum“ und wie es hätte vermieden werden können. Wer ist Schuld und wie mag es den Kindern gehen? Ob sie noch etwas gemerkt hat? Wie furchtbar, wenn man realisiert, dass noch vor wenigen Stunden alles „normal“ war. Was hätte man nur alles anders machen können, sollen, müssen, welche Worte hätte man lieber nicht gesagt – oder gerade doch? Und wie schwer ist es zu akzeptieren, dass man nicht mehr zurück kann zu diesem Zustand, der vor dem Unglück normal war. Dass das gemeinsam geplante Abendessen nicht mehr stattfindet. An die Stelle des früheren „Normal“ ist nun ein anderes, schmerzhaftes getreten, eines, das das bisherige selbstverständliche durch wilde Verzweiflung oder schockartige Trauer ersetzt. Es gibt nun ein „Vorher“ und ein „Nachher“ und die Unwiederbringlichkeit des „Vorher“ führt einen an seine Grenzen und oft darüber hinaus.

Viele von uns haben so etwas schon erlebt und dieses Entsetzen, das uns überfällt wenn etwas definitiv vorbei ist, erleben wir nicht nur beim Tod eines Menschen, sondern auch nach dem Blackout in der Abschlussprüfung … nach dem Ende DER großen Liebe … bei der Erkenntnis, den falschen Menschen vertraut zu haben … mitten in der Bewältigung einer Insolvenz … in dem Wissen, niemals eigene Kinder haben zu können … Immer wieder sind wir herausgefordert, einen Status Quo zu akzeptieren, das Vergangene loszulassen und Neues zu beginnen.

Als wir von Valentinas Tod erfuhren, stand nach dem ersten Entsetzen für ihr Schicksal und das ihrer Familie auch die konkrete Frage im Raum: Was wäre, wenn unsere eigene Familie von so einem Schlag betroffen wäre oder unser engster Freundeskreis? Mein Gott! Wie schrecklich! Nicht vorstellbar!

Es ist unvermeidlich, dass solche Gedanken auftauchen. Es bedeutet nicht, dass uns ein anderes Schicksal kalt lässt und wir nur an uns selbst denken. Unsere Psyche ist so angelegt, dass wir Erlebnisse, Verhalten und Situationen auf uns beziehen müssen, damit wir andere Menschen verstehen können. Wie sollten wir sonst einen schweren Verlust nachempfinden können? Und damit verbunden ist die Angst vor dem eigenen Betroffensein.

Angst kann lähmend sein und ein lebensbejahendes Dasein verhindern. Sie kann dazu führen, dass wir zum Kontrollfreak werden oder aber auch, dass wir uns ständig sorgen, wenn unsere Lieben nicht unter unserem schützenden Einfluss stehen. Wir können versuchen, unser Leben möglichst risikoarm einzurichten, aber wie weit wollen wir dafür gehen? Nicht mehr in den Urlaub fahren? Ab der Dämmerung in das Haus zurückkehren … oder es gar nicht mehr verlassen? … Natürlich nicht.

Haben Sie es schon einmal mit Dankbarkeit versucht? Ich meine nicht die Dankbarkeit, die sagt: „Danke, für alles, das ich habe. Hoffentlich bleibt mir all das, ich weiß sonst nicht, wie ich leben soll.“ Wie fühlt sich das bei Ihnen an? Ich fühle mich in ängstlicher Anspannung, wie kurz vor einem absehbaren Verlust. Ich meine eher die dankbare Wertschätzung für das, was da ist. Das Anerkenntnis, dass gut für uns gesorgt ist, auch wenn die Umstände manchmal anders wirken. Es ist die Dankbarkeit, die sich manchmal erst zeigt, wenn man auch die andere Seite der Medaille betrachtet.

Wenn ich z.B. morgens todmüde bin und eigentlich nicht aufstehen mag, bin ich dennoch dankbar für die Aufgaben, die auf mich warten … würde es mir besser gehen, sie wären nicht da, weil ich vielleicht keine Arbeit hätte? Wenn ich schlaftrunken die Brote für die Familie mache, nervt mich das manchmal, weil ich gern noch im Bett läge, aber … wenn ich niemanden hätte, dem ich Brote machen könnte, würde ich mich vielleicht einsam oder auch nicht gebraucht fühlen? Wenn ich im Stau in meinem Auto sitze und beginne, mich zu ärgern, frage ich mich, ob ich in der vollen U-Bahn bessere Laune hätte. Wenn … – Sie verstehen schon, stimmt´s?

Es gibt so Vieles, für das ich dankbar sein kann und manchmal vergesse ich es. Dabei ist Dankbarkeit ein Ausdruck von Liebe und wenn wir in der Liebe sind, hat die Angst weniger Raum.

Valentinas Tod hat mich wieder daran erinnert, wie schnell unsere Lebensumstände sich ändern können und dass wir unser Leben nicht aufschieben dürfen. Wir müssen es jetzt leben – im Augenblick – und wir sollten uns daran erfreuen. Wenn das nicht geht, müssen wir unser Leben ändern – nein, jetzt kommt noch nicht, was Sie denken 🙂 erst kommt noch ein Tipp:

Wenn Ihnen gerade nichts einfällt, wofür Sie spontan dankbar sind, schaffen Sie sich doch ein schönes Büchlein an, in das Sie täglich, am besten abends, drei Dinge aufschreiben, für die Sie an diesem Tag dankbar sind:

Ist es nicht toll, dass Ihnen die etwas zu enge Jeans wieder passt? Heute waren Himbeeren im Angebot, sie sahen aus wie gemalt und verströmten einen herrlichen Duft. Hmmm, sie schmeckten auch so! Der Witz ihrer besten Freundin auf WhatsApp: „Manchmal schaue ich Menschen an und denke: WIRKLICH?? Das ist die Samenzelle, die gewonnen hat?“ Köstlich, oder?! Kam gerade im rechten Augenblick.

Ich bin mir sicher, nach einer Woche fällt es Ihnen leicht, sogar fünf Punkte zu finden, dann sieben … Im Laufe des Tages werden kleine Dankbarkeitsglücklichseinfreublasen in Ihnen nach oben blubbern, wenn Ihre Seele sich von etwas Schönem gestreichelt fühlt.

Und dann fällt es Ihnen auch immer leichter, Ihre Dankbarkeit für das schöne Leben, das Sie haben, anderen gegenüber auszudrücken, vielleicht mit „Ich bin so glücklich, dass wir uns getroffen haben“ oder zurückhaltender „Danke, für den schönen Nachmittag!“ Dann werden Sie auch seltener bereuen, dass etwas ungesagt geblieben ist oder nicht das Richtige zur richtigen Zeit.

Wenn Sie diese kleine Übung ein paar Abende versucht haben und Sie wirklich nichts oder zu wenig finden, wofür Sie dankbar sind und Ihr Herz zum Singen bringt, dann, tja, was soll ich sagen …

Move Your Life!

 

 

Foto: SusaZoom/Shutterstock.com

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